Irritationen

Ausschnitt aus einer PCTastasturEigentlich bin ich ein Außenstehender, und nach Ansicht einiger Mitmenschen habe ich damit vermutlich das Recht verwirkt, über die Thematik zu reden, ja auch nur nachzudenken. Schließlich hört man immer wieder Argumentationen wie „mach es doch erstmal besser bevor du über andere meckerst“, oder „erst wenn du 20 km in meinen Schuhen gelaufen bist, darfst du über mich reden“. Doch warum soll ich eigentlich nicht mal über ein Thema schreiben, auch wenn ich ein Außenstehender bin?

Im Grunde geht es in diesem Artikel sogar um zwei Themen. Der Auslöser für dieses Wort zum Montag war ein Artikel von Heiko Kunert, den er auf Twitter verlinkt hat. Er fragte: Diskriminiert das Gendersternchen blinde Menschen?

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Um es kurz zu machen: Ich kann die Frage nicht beantworten, da ich nicht blind bin. Ich kann bestenfalls versuchen, mich mit geschlossenen Augen in die Lage hinein zu versetzen. Wie erfolgversprechend das wohl ist, lasse ich jetzt mal offen.

Ich bemühe mich, bei Bildern in meinen Artikeln die ALT-Tags zu verwenden, nachdem ich mal gelesen habe, dass das für Screenreader wichtig sei. Screenreader nennt man übrigens eine Gruppe von Programmen, die Bildschirminhalte in gesprochene Sprache umsetzen. Diese zusätzlichen Informationen in den ALT-Tags, die in der normalen Darstellung einer Website nicht angezeigt werden, können und sollen es blinden Menschen ermöglichen, das für sie nicht sichtbare Bild zu verstehen. Andernfalls würde die im Bild enthaltene Information von Blinden vermutlich nicht wahrgenommen werden, und das könnte das Verständnis des ganzen Artikels in Frage stellen. Das ALT-Tag ist im HTML übrigens ein Teil des IMG-Tags, mit dessen Hilfe Bilder in Websites einbezogen werden.

Auf Bilder komplett zu verzichten mag ich dennoch nicht, da sehende Menschen diesen zusätzlichen Kommunikationskanal oft durchaus zu schätzen wissen. Ein Kompromiss muss her, und die zusätzlichen Informationen scheinen ein solcher zu sein.

Der zweite Aspekt des Artikels ist der gemeinhin mit „Gendern“ (englisch gesprochen, also „dschendern“) bezeichnete Sprachwandel. Diesen gibt es in zahlreichen Varianten, von der ausgeschriebenen männlichen und weiblichen Form bis hin zu kreativen Abkürzungen durch verschiedenste Satzzeichen. Diese haben dort eigentlich nichts zu suchen, denn sie werden dabei nicht als Satzzeichen, sondern als sprachliche Stolpersteine verwendet. Statt „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ schreibt man zum Beispiel „Mitarbeiter:innen“. Auch die Schrägstrichschreibweise „Mitarbeiter/innen“ oder die Klammerschreibweise  „Mitarbeiter(innen)“ ist durchaus gebräuchlich, zumindest dann, wenn es diese beiden Formen zulassen.

Holpriger wird es, wenn die männliche und weibliche Form deutliche Unterschiede aufzeigt, die sich durch einfaches Weglassen oder Hinzufügen nicht ausgleichen lassen. Frisöre und Frisösinnen (auch mit eingedeutschtem „ö“) haben keine Chance auf Verkürzung.

Und genau diese unterschiedlichen Schreibweisen scheinen besagte Screenreader vor Probleme zu stellen. Zwar wird die Software keine ähnlichen Schwierigkeiten mit dem Lesefluss haben wie wir Menschen, aber „Mitarbeiter Doppelpunkt innen“ klingt aus meiner Sicht ebenso seltsam wie es aussieht.

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Und in der Tat tue ich mich auch als Sehender schwer damit, sowohl was das Schreiben, als auch das Lesen und erst recht das Aussprechen betrifft. Da ich als nicht mehr ganz so junger Mensch noch in einer Zeit aufgewachsen bin, in der das generische Maskulinum auch für beide Geschlechter stand, ist es schwer, sich so etwas abzugewöhnen. Aus diesem Grund verzichte ich weitgehend auf solche sprachlichen Experimente und verwende in der Regel das althergebrachte Maskulinum, manchmal jedoch auch  die ausgeschriebene Form. Und wenn ich es blinden Menschen dadurch etwas einfacher mache, sich meine Texte vorlesen zu lassen, dann freue ich mich besonders darüber.

Man kann darüber streiten, welche Variante nun richtig oder falsch ist. Aber ebenso wie Menschen, denen das Gendern wichtig ist, es als ihr Recht ansehen, dies zu tun, so nehme ich für mich in Anspruch, es nicht zu tun. Diskriminieren will ich damit niemanden, weder Frauen, noch Männer (indem ich zum Beispiel das generische Femininum verwenden würde), auch nicht die Nichtbinären, bei denen unsere Sprache schon allein aus historischen Gründen kapitulieren muss. Aber ich möchte mir auch nicht vorschreiben lassen, wie ich zu denken haben.

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