1000 Worte

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Letzte Änderung am 23. September 2022 by Christoph Jüngling

Ein kleiner spontaner Text, der mir eines Tages beim Aufstehen einfiel. Vielleicht das Restflimmern eines verblassenden Traumes, dessen Funke ich für kurze Zeit nochmal schüren konnte.

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Viel Spaß beim Lesen :-)


Zäh nur gleiten die Buchstaben aus meinem Hirn. Sie quälen sich durch die Finger auf das Papier. Wäre es Tinte, mit der ich schriebe, ich würde die Patrone öffnen und einen Tropfen Wasser hinzufügen, auf dass sie flüssiger fließen möge. Ob das meinen Gedanken hilft?

»Tausend Worte« hat sie gesagt, »nur tausend Worte!« Das wird doch möglich sein. Hätte ich nur niemals diesen Auftrag angenommen. Bisher schrieb ich immer, weil ich schreiben wollte. Ich wollte niemals schreiben, weil ich schreiben musste!

Aber da ist ja Papyrus. Also stelle ich erst einmal die Tausend Wörter als Schreibziel ein. Dienstag soll ich abgeben, das Datum trage ich ebenfalls ein. Nein, doch lieber den Montag, etwas Reservezeit ist immer gut. Es läuft ja nie so, wie man es sich vorstellt. 127 Worte habe ich schon, knapp mehr als ein Achtel. Allein dafür, darüber zu schreiben, dass ich noch nichts geschrieben habe. Aber das zählt ja nicht.

Die Kolumne Alles fließt

Klack. Klack klack klack. Er schreibt. Er musste schreiben, es bleibt ihm nichts anderes übrig. Sie würde ihn nicht aus dem Vertrag entlassen, wenn er nicht wenigstens tausend Worte bis Dienstag abgegeben hatte. Die Kolumne, sagte sie. Die Kolumne muss gefüllt werden, wir haben den Platz bereits verkauft.

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Achtundvierzig. Na immerhin. Aber wie soll es weitergehen? Egal, lass es fließen, pantha rhei. Schreibt man das so? Erst mal recherchieren. Nein, »panta rhei« ist richtig, sagt Wikipedia. Schnell den Artikel als Recherche-Information ablegen. Ob ich eine Datenbank dafür anlegen will? Ja, klar. Ob ich ein Projekt daraus machen will? Ja, meinetwegen. Wo war ich? Ach ja, schreiben.

Heute Morgen, als er aufstand, hatte er schon so ein komisches Gefühl. So als ob der Tag nichts Gutes für ihn bereithalten würde.

Weitere 23, macht 69, gut. Neunundsechzig, meine Gedanken schweifen ab. Aber darüber kann ich nicht schreiben, darf ich nicht, denn es ist ein seriöses Magazin. Schade, dazu hätte ich eine Menge Ideen. Also weiter.

Zäh nur gleiten die Buchstaben aus seinem Hirn. Sie quälen sich durch die Finger auf das Papier. Wäre es Tinte, mit der er schrieb, er würde die Patrone öffnen und einige Tropfen Wasser hinzufügen, auf dass sie flüssiger fließen möge.

Ha! Nochmal neununddreißig! Ja, fließen ist gut. Ich ändere mal schnell den Titel. Dann schreibe ich also über das Schreiben. Eine Art Metaebene, verrückt. Nur nicht den Überblick verlieren.

Wären es Tintenstriche auf dem Papier, er würde mehr mit dem Tintenkiller arbeiten als mit dem Füller. Akribisch würde er die Linien nachziehen und mit Genugtuung feststellen, dass sie wieder verschwinden, so wie die Gedanken in seinem Hirn.

Nochmal 38.

Die Prophezeiung bewahrheitete sich, als er sein eMail-Postfach öffnete.

158 Wörter für die Kolumne, 440 für den Text insgesamt. Das wird schon.

Er hatte den Auftrag. Gottseidank. Leider. Jetzt hieß es »schreiben«. Wer sagte das? Verkaufen ist einfach, Liefern ist das Problem.

Nochmal 20 Worte. Oder sagt man »Wörter«? Recherchieren …

Wieso will sie überhaupt genau tausend Worte haben? Die sind doch nicht alle gleich lang, das kann man doch mit Platz nicht in Verbindung bringen. Am Ende mache ich mir hier endlose Gedanken, und sie streicht die Hälfte.
Und überhaupt, »streichen« ist vielleicht das schrecklichste Wort für einen Autor! Da investiert man Stunden um Stunden in eine eloquente Formulierung, und dann heißt es, »Nee, das versteht keiner, das müssen Sie kürzen!«

Ich hasse Kolumnen! Das klingt immer so gestelzt, so aufgesetzt, so als ob man schreiben müsste. Muss man ja im Grunde auch, aber geht das nicht etwas flüssiger?

Erst mal die Stil- und Lesbarkeitsanalyse von Papyrus aktivieren. Oh, sehr viele Absätze in blau und grün, das ist gut. Nur ein einzelner gelber Absatz dazwischen. Komisch, ich finde, der ist sehr gut lesbar. Kurz und knackig, wie es sein soll. Oder sind Nebensätze neuerdings nicht mehr lesertauglich? Egal, das lasse ich jetzt so. Soll sie halt meckern. Das wird sie sowieso, sie meckert eigentlich immer. Ich glaube, sie ist nicht glücklich, wenn sie nicht meckern kann.

Und überhaupt, kürzen! Mit welchem Recht kürzen Leute anderer Leute Text? Da investiert man Stunden um … ach so, das hatten wir schon. Na, ist doch wahr! Da soll man sich nicht aufregen.

281 Worte (oder Wörter?), immerhin mehr als ein Viertel. Aber nun komme ich nicht weiter. Erstmal Solitär spielen. Klick klack klick klack.

Bei Solitär ist der nächste Zug oft zwangsläufig. Je nachdem wie die Karten liegen, muss man einen Zug machen, manchmal gehen auch mehrere. Kann man dieses Prinzip auch auf das Schreiben eines Romans anwenden? Ergeben sich Handlungsstränge mehr oder weniger zwangsläufig aus dem zuvor Geschriebenen? Ich denke, da gibt es gewisse Ähnlichkeiten.

Glücklich, ein schönes Stichwort. Bin ich glücklich? Ja, im Grunde schon, jedenfalls normalerweise. Wenn da nicht dieser dämliche Auftrag wäre. Tausend Worte! Das wird doch möglich sein.
Der Balken in der Fortschrittsanzeige von Papyrus wächst, ich habe mein Tagessoll bereits um das doppelte übererfüllt. Das ist doch ein Grund, glücklich zu sein, oder? Aber als erfahrener Prokrastinator weiß ich, dass ich jetzt nicht aufgeben darf. Denn sonst schreibe ich nichts mehr bis 5 Minuten vor dem Abgabetermin.

Ich stelle mir gerade ein Kinoplakat vor, »Der Prokrastinator«, darauf einen total abgeschlafften Arnie, mit leeren Pizzakartons, Whisky-Glas und Kippe. Und einer Sprechblase »ja, gleich«.

Tausend Worte. Jede Erwähnung meines Ziels bringt mich diesem näher, hat mal ein Unternehmensberater gesagt. In diesem Fall kann ich sogar sagen, um wieviel. Es sind genau zwei Worte. Clever, oder?

Ich glaube, ich werde nun doch aufhören.

365 Worte, nicht schlecht. Vielleicht geben ich das einfach so ab. Sie streicht doch sowieso, das kann ich vorab schon für sie erledigen. Und 365 passen genau in ein Schreibjahr. Mal sehen.

Ich habe den Text abgeschickt, nun warte ich auf die Antwort. Lange kann es nicht mehr dauern, sie hat ja schon vorher gedrängelt. Noch nichts. Solitär.

Immer noch nichts. So langsam fange ich an, mich zu ärgern. Wieso habe ich mich denn bitteschön dermaßen beeilt?

Da ist die Antwort. Ich öffne die Mail, komisch. So kurz? Was schreibt sie??? Wie bitte? Verdammte Axt!

»Zu lang!«

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