Die unerkannte Sucht

Mal was ganz anderes. Das ist ja ein Blog hier, da kann man ruhig mal abschweifen, oder? Ich tu’s einfach mal …

Es ist schon ein wenig her, als mir ein Kollege beim mittäglichen Italiener gestand, dass der Espresso, den wir üblicherweise hinterher noch orderten, „ordentlich reinhauen würde“. Ich guckte ihn vermutlich an wie ein Auto. Diese winzige Menge an schwarzem Gold sollte reinhauen? Wir sprachen noch etwas darüber, aber ich konnte das Gefühl zu diesem Zeitpunkt nicht nachvollziehen. Mag ja sein, dachte ich mir, jeder empfindet so was ein wenig anders. Doch in den Wochen danach fing ich an nachzudenken und meinen Kaffeekonsum bewusst wahrzunehmen. Und ich stellte fest, dass ich doch recht viel von diesem Zeugs in mich hinein geschüttet hatte.

Ich erinnerte mich dann an einen anderen Kollegen. Wir hatten damals zusammen im Support einer Bank gearbeitet. Es war hektisch im Handelssaal. Wenn einer der Händler ein Problem hatte, dann musste es auf der Stelle gelöst werden. Es wurde zwar nur selten ausgesprochen, aber die Mimik schien oft zu suggerieren, „Mann, mach hin, ich verliere Millionen, während du vor dich hin trödelst“. In der Folge haben wir alle quasi ein Abonnement bei Mr. Coffee gebucht. Bis eines Tages besagter Kollege von ärztlicher Seite ein striktes Kaffeeverbot auferlegt bekam, das er auch einhielt. Und dann kippte er um. Entzug. Koffeinentzug.

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Das war schon einigermaßen verrückt. Dachte ich doch, Kaffee sei das natürlichste auf der Welt, quasi ein Grundnahrungsmittel für Softwareentwickler, wie Pizza und Zigaretten. Auf letztere habe ich zwar seit meiner Geburt erfolgreich verzichtet, aber das Klischee kennen wir schließlich alle. Solche unbewussten Festlegungen wirken sich natürlich an verschiedenen Stellen aus. Als ich eben bei Pixabay nach Bildern mit Kaffee suchte, stammten recht viele Treffer aus dem Büroumfeld. Computer, Schreibutensilien und Kaffee scheint ein begehrtes Motiv zu sein, um „Büroarbeit“ zu bebildern. Warum bloß?

Zurück zum Italiener. Nach einiger Zeit begann ich, meinen Kaffeekonsum einzuschränken. Nicht so schlagartig wie geschildert, sondern ganz allmählich. Mal eine Tasse Pefferminztee statt des Cappuccinos, mal einfach nur das Mineralwasser aus der mitgebrachten Flasche. Und ebenso schleichend, wie das Koffein meinem Körper entzogen wurde, steigerte sich auch wieder meine Wahrnehmung für dessen Wirkung.

Irgendwann konnte ich tatsächlich nachvollziehen, was der Kollege seinerzeit gesagt hatte. Ich merkte, dass Koffein tatsächlich ein Aufputschmittel ist, dass ich dessen Wirkung nur durch die langjährige Gewöhnung nicht mehr wahrgenommen hatte. Mehr noch, durch die Gewöhnung daran habe ich vermutlich immer mehr davon getrunken, damit sich die ausbleibende Wirkung wieder einstellen möge. Dafür gibt es natürlich eine Grenze.

Heute kann ich den Espresso nach dem Essen wieder genießen, weil er etwas seltenes geworden ist. Denkt mal drüber nach, und lasst es nicht darauf ankommen, dass ihr vielleicht irgendwann der Kollege seid, der einen Arzt braucht.

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