Hummeln können nicht fliegen

Flattr this!

5. Oktober 2015. Im Schienenbeet am alten Kasseler Hauptbahnhof herrscht mal wieder Hochbetrieb. Neun Anmeldungen und drei „Vielleichts“ zeigen wieder einmal, dass das Thema immer noch einen großen Stellenwert hat — obwohl vermutlich viele behaupten würden, dass sie dies selbstverständlich perfekt beherrschen und folglich gar nicht hier sein müssten. Auf Twitter hieße das dann „Frage für einen Freund“. Aber die waren dann auch gar nicht da; letztlich waren es nur acht.

Gerade eine Stunde vor dem Termin entdeckte ich just auf Twitter den Link zu einem sehr interessanten Artikel. Darin wird unter anderem erwähnt, wie kreativ viele Leute darin sind, Ausreden zu erfinden, um Dinge nicht zu tun. „Das kann bei uns nicht funktionieren“ ist nur eine der Aussagen, die auch ich immer wieder zu hören bekomme, wenn ich mal etwas Ungewöhnliches vorschlage. Niels Pfläging, der Autor dieses Artikels, belegt damit auf einfache Weise, warum es nur ein paar Unternehmen weltweit gibt, die mit ungewöhnlichen Methoden dermaßen erfolgreich sind, dass zwar alle neiderfüllt zu ihnen aufschauen, aber zugleich jeden Versuch, diese Dinge selbst umzusetzen, weit von sich weisen. Deshalb, so sein Fazit, können wir nichts von Toyota lernen.

Doch wir sind hier, um zu lernen. Vielleicht „für einen Freund“, aber in erster Linie „für uns selbst“. Deswegen gibt es am Agile Monday auch kaum rein theoretische Vorträge; statt dessen steckt viel Praxis drin.

Patrick Koglin (li.) und Uwe Lübbermann (re.)
Patrick Koglin (li.) und Uwe Lübbermann (re.)

Heute sind die Rollen wie folgt verteilt: Thorben ist der Timeboxer, Patrick Koglin moderiert den Rahmen, und Uwe Lübbermann hält seinen Vortrag „Echtes Commitment im Konsens erreichen“ (siehe meinen damaligen Blogartikel) diesmal im 15-minütigen Schnelldurchlauf. Der Wecker läuft mit, von Thorben mit Argusaugen überwacht. Das Hamburger Unternehmen Premium Cola ist eines der Unternehmen, das einfach gemacht hat, was andere für unmöglich halten. Und Inhaber Lübbermann ist immer noch optimistisch, dass er durch sein Beispiel und durch Darüber-Reden andere motivieren kann, es ihm gleich zu tun. Der „Flaschenmillionär“, wie er sein Unternehmen aufgrund der im letzten Jahr verkauften 1,2 Mio Flaschen selbst nennt, ist die Hummel, die fliegt, weil Lübbermann dieses ewige „Hummeln können nicht fliegen“ niemandem glauben wollte.

Danach folgt eine Fishbowl-Diskussion. Die Regeln sind dabei recht einfach: 4 Stühle stehen in der Mitte, die restlichen Teilnehmer sitzen locker außen herum. Einer der mittleren Stühle ist immer frei und darf jederzeit besetzt werden, wenn jemand sich am Gespräch beteiligen möchte. Dann muss aber ein anderer raus. Dadurch entsteht keine Podiumsdiskussion, sondern ein fliegender Wechsel. Interessant war, wie sich das Verfahren entwickelt hat: Nach unglaublich kurzer Zeit waren oft zwei Stühle frei, wodurch sich dann jemand von außen motiviert fühlte sich hinzusetzen. Aus dem Zwang, einen Stuhl freizulassen, wurde so die Möglichkeit, einen Stuhl zu besetzen. Ein gutes Zeichen für die Gruppe, denn einerseits neigt keiner von uns dazu, sich sklavisch an Regeln zu halten. Andererseits zeigt es aber auch die Fairness, wie miteinander umgegangen wird.

Im zweiten Teil, der von Patrick Koglin moderiert wird, gibt es einen Überblick über einige Moderationsformate. Thema, Ziel und Einführung bilden den Rahmen, der wichtig ist, damit sich die Teilnehmer daran orientieren können. Ein Rahmen, so Patrick, ist ein soziales System, das durch seine Existenz Schaden vorbeugen kann. Er nennt es in seiner Bildsprache „den Raum öffnen“ (d.h. Thema einführen, Ziel benennen), Inhalte, „den Raum schließen“ (Ergebnis zusammenfassen, weiteres Vorgehen abstimmen).

Beim folgenden „Hands on“, der Moderationsübung, versuchen wir, ein Diskussionsformat auszuprobieren. Nach dem ersten Versuch und einer kurzen Retrospektive mit Verbesserungsvorschlägen gibt es dann einen zweiten Durchlauf, der durch ein „Diskussionstoken“ (wir verwenden einen kleinen Ball) schon erheblich angenehmer empfunden wird. Zwei Teilnehmer erhalten dabei per verdeckter Karte je einen Spezialauftrag („Provokateur/Egomane“ und „Laberkopp/Wichtigtuer“). Dadurch wird zwar kein echter Konflikt provoziert, weil jeder weiß, dass es nur gespielt ist. Aber man bekommt einen Einblick in gewisse Mechanismen, die im Alltag ebenfalls häufig auftreten.

Zusammengefasst wieder einmal ein sehr eindrucksvoller Abend mit vielen Informationen. Das zeigt sich auch im ROTI, wo fast alle Kreuze nahe bei der „2“ liegen, der Höchstwertung!

EDIT: Natürlich ist das ein „Fishbowl“, kein „Pool“. Klingt ähnlich, passt aber besser. Danke @luebbermann und @patrickkoglin für’s entdecken!


Übrigens: Mit SmallInvoice können auch Freiberufler wie ich sehr einfach Rechnungen erstellen, versenden und nachverfolgen. (Affiliate-Link)

Ähnliche Artikel:

AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

Kommentar verfassen