Unternehmensführung quergedacht

Der Agile Monday Kassel stand diesmal unter einem ungewöhnlichen Motto. 18 Köpfe zählte ich gegen 19:00 h, die meisten davon neue Gesichter. Uwe Lübbermann von der Firma PREMIUM führte durch den Abend. Das Thema „Angewandte Konsensdemokratie“ klingt zunächst etwas abgehoben. Doch es wird keine politische Diskussion, die Landes- oder Bundespolitik spielt heute Abend keine Rolle. Es geht vielmehr um eine — zugegeben etwas unkonventionelle — Unternehmenskultur.

PREMIUM, ein Dienstleister für die Getränkebranche, existiert seit 13 Jahren. Von Beginn an hat Uwe Lübbermann (Twitter, Facebook) das Prinzip der Augenhöhe in seinem Unternehmen praktiziert. Das Wichtigste dabei ist die Vertrauensbasis. Es gibt keine schriftlichen Verträge, die alles haarklein regeln. Handschlag genügt, man versteht sich. Das geht sogar soweit, dass auch freiberufliche Kräfte eine Art Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erhalten. Es versteht sich von selbst, dass dieses Prinzip nur funktionieren kann, wenn alle mit machen und niemand versucht, das System auszunutzen.

Alle sind gleich

Gleiche Löhne von 16 €/h über alle betrieblichen Positionen sind ebenfalls ein revolutionärer, ja fast sozialistischer Ansatz. Auch dass über den Lohn (auch den des Inhabers) abgestimmt wird, führt zu einigen überraschten Ausrufen. Lübbermann erklärt dann seinen Denkansatz, der entscheidend mit der Frage „Was ist eigentlich Demokratie?“ verbunden ist. Er bringt dies an einem einfachen Beispiel auf den Punkt: Würde sich die Mehrheit im Raum dafür aussprechen, einen Einzelnen zu verprügeln, dann wäre das vielleicht (juristische Implikationen mal beiseite gelassen) gemäß unseres üblichen Demokratieverständnisses akzeptabel. Aber für den, der darunter zu leiden hat, sieht die Sache verständlicherweise anders aus.

Echte Demokratie?

Demokratie als Recht der Mehrheit geht fast immer zu Lasten der Minderheit. Konsensdemokratie jedoch, so Lübbermann, heißt, dass bei einer Abstimmung kein Veto mehr bleiben soll. Wenn doch, wird weiter nach einem Konsens gesucht. Alles, was nicht ausdrücklich als „Veto“ geäußert wird, gilt als Zustimmung. Diese kann aktiv geäußert werden, aber auch verdeckte Zustimmung in Form von Nicht-Beteiligung (Enthaltung) oder aufrechterhaltenen Bedenken ist erlaubt. Niemand muss abstimmen, doch Schweigen bedeutet Billigung.

Das Prinzip des „Veto“ (lat. „ich verbiete es“) ist keine neue Erfindung. Wie wir aus dem Geschichtsunterricht wissen, war es bereits im römischen Reich Usus. Jedes Senatsmitglied konnte sein Veto einlegen, was zur Folge hatte, dass die Entscheidung nicht umgesetzt wurde. Dann musste eben weiter diskutiert werden. Auch die UN kennt ein Vetorecht, beschränkt es jedoch auf nur wenige Nationen.

Bei der Konsensdemokratie sind alle gleich: Chef, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, ja selbst die Putzfrau darf mit diskutieren und abstimmen, wenn es z.B. um den Lohn geht oder die Farbe der Briefumschläge des Unternehmens.

Klügere, stabilere und sozialere Entscheidungen

Das erklärte Ziel ist, klügere und vor allem sozialere Entscheidungen zu treffen, die auch langfristig stabil sind. Dennoch darf jede Entscheidung immer wieder in Frage gestellt werden. Das ist sinnvoll und notwendig, da manche Entscheidungen auf äußeren Einflussfaktoren (wie z.B. Wechselkurse) basieren, und diese ändern sich nun mal gelegentlich. Ein ähnliches Prinzip findet sich übrigens in den vorgeblichen „Internet-Standards“, die in sog. „RFCs“ festgelegt sind. RFC bedeutet aber eben „request for comment“, und Kommentare sind zu jedem Zeitpunkt möglich. Im Grunde genommen gibt es so etwas wie einen festgelegten Standard bei Netzwerktechniken also gar nicht. Alles ist im Fluss, pantha rhei.

Wie macht man das also? Eigentlich ist es ganz einfach. Uwe Lübbermann skizziert die folgenden Schritte:

  1. Ziel festlegen
  2. Themeneingabe
  3. Diskussion
  4. Beschlussvorschlag
  5. Abstimmung (voll einverstanden, leichte oder schwere Bedenken, Enthaltung, Veto)

Alles außer einem Veto gilt dabei als Ja.

Das geht auch mit einem Diskussionsboard wie phpBB, was nebenbei den Vorteil hat, dass sowohl die Argumente, als auch die Abstimmungsergebnisse automatisch dokumentiert werden und so jederzeit und für jeden nachvollziehbar sind.

Praxis

Es folgen ein paar Übungen, in denen z.B. jeweils 6 Teilnehmer in eine WG mit 6 Zimmern einziehen sollen. Jedes Zimmer hat gewisse Vor- und Nachteile, und es gilt, einen Konsens zu finden, so dass sich keiner benachteiligt fühlt. Die Diskussionen sollten auf „Augenhöhe“ stattfinden, was zum Beispiel bedeutet, dass man den anderen ausreden lässt, ihm nicht ins Wort fällt oder im wahrsten Sinne „Über-Stimmt“. Dass das im Eifer des Gefechts nicht immer ganz einfach ist und oft der oder die stimmgewaltigste im Vordergrund steht, ist uns allen wohl aus der täglichen Praxis hinlänglich bekannt. Je nach Gruppenzusammensetzung kann hier der Eingriff eines Moderators erforderlich sein, um die Wogen zu glätten.

Doch trotz aller Unterschiede war es jeweils möglich, in erstaunlich kurzer Zeit einen Konsens zu erreichen. Sei es ein echtes Ergebnis oder eine Strategie, wie die Gruppe weiter vorgehen will.

Fazit

Das, was für manchen, der eine hierarchische Struktur gewöhnt ist, überraschend klingt, kann durchaus funktionieren. Eine angenehme Diskussionskultur, das Teilen wichtiger (wenn nicht sogar aller) Informationen, und letztlich der unbedingte Wille, „an einem Strang“ zu ziehen, das ist der Kleber, der eine Konsensdemokratie zusammenhält. Ähnlichkeiten zu den Agilen Techniken wie z.B. Scrum sind dabei offensichtlich. Essentiell ist in jedem Fall, dass die richtigen Leute zusammen sind, und diese sich über die gemeinsame Struktur einig sind.

Aber das ist im Grunde auch keine wirklich neue Erkenntnis.

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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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