Jeder Tag ist Halloween

Verschlüsselung — Überwachung — Waffen: Immer sind es die berühmten „zwei Seiten einer Medaille“, die Probleme machen. Ist eine Pistole gut oder schlecht? Oder kommt es darauf an, wer sie benutzt und wofür? Wie ist das mit der Atomkraft? Kernkraftwerk zur Energieerzeugung vs. Atombombe. Ist das Tor-Netzwerk per se böse, weil es Aktivitäten jenseits der staatlichen Überwachung ermöglicht, oder ist es gut, weil auch den Staat nicht alles angeht?

Bei uns ist jeden Tag Halloween!

Haben Sie etwa was zu verbergen?

Diese Frage wird öfter gestellt, wenn ich eMail-Verschlüsselung auch nur erwähne. Reflexhaft kommt die Antwort, die eine Antwort, die alles zunichte macht, was man noch gar nicht gesagt hat. So ähnlich reflexhaft wie die Antwort „in Brawndo steckt, was Pflanzen schmeckt“ aus aus dem Film Idiocracy. Die Leute dort wissen gar nicht wovon sie reden, sie wiederholen nur die Werbeaussage. Was man so oft gehört hat, kann nicht falsch sein! Was alle sagen, muss doch stimmen. „Millionen Fliegen können nicht irren.“ Ihr kennt den Witz und die Verzehrempfehlung sicher?

Ich sage: Ja, das kann schon mal vorkommen, dass ich etwas zu verbergen habe. Und es muss gar nichts mit illegalem Verhalten zu tun haben. Verschlüsselungstechniken haben den Zweck, alle die auszusperren, die die aktuelle Diskussion nichts angeht. Sonst hättet ihr eure Liebesbriefe in der Schule ja auch an die Tafel schreiben können, anstatt sie der Angebeteten heimlich zuzustecken.

Ein Unternehmer tut gut daran, die Kommunikation mit seinen Angestellten (man denke dabei auch an Freiberufler oder Heimarbeiter) über betriebsinterne Dinge zu verschlüsseln, damit fremde Firmen keinen Einblick in solche Interna bekommen. Auch die Kommunikation mit Kunden sollte sinnvollerweise verschlüsselt ablaufen. Und da Wirtschaftsspionage ebenfalls ein Thema im internationalen Geschäft ist, bezieht dieses „Aussperren“ auch fremde Geheimdienste mit ein. Diese könnten ihre Dienste nämlich auch für landeseigene Firmen erbringen und den ausländischen Unternehmer ausspionieren, was nach den Gesetzen des fremden Landes vielleicht sogar legal wäre. Meiner persönlichen Meinung nach geschieht das längst und ist vielleicht sogar die eigentliche Motivation für die staatlichen Stellen, gegen Verschlüsselung anzugehen. Terrorismus und Kinderpornografie würden dann nur vorgeschoben, wenn es gerade mal passt.

Ja, ich habe etwas zu verbergen!

Habe ich also etwas zu verbergen, nur weil ich nicht jede Facette meines Lebens im Internet oder in der BILD lesen möchte? Nicht dass ich wichtig genug wäre, um in die Zeitung zu kommen!

Immer wenn mich Leute auslachen, wenn ich eMail-Verschlüsselung anspreche und die (in meinen Augen) blauäugige Ausrede kommt „ich habe doch nichts zu verbergen“, dann muss ich insgeheim an Martin Niemöller und sein „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn …“ denken.

Und wenn ich sie dann frage, ob sie wirklich nichts, aber auch gar nichts zu verbergen hätten, dann antworten sie meistens noch „na klar“ oder so etwas. Und dann frage ich sie nach ihren Kontodaten, nach dem Passwort für ihren Facebook-Account, nach einer Kopie ihrer Festplatte.

Und dann werden sie auf einmal ganz still.


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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