Besuchsverbot

Eigentlich wollte ich mit diesem Blog ja nicht politisch werden. Aber wenn ich mir das Gezerge um diverse Standpunkte so anschaue, dann kommt mir das große Kotzen. Man kommt sich vor wie auf der Suche nach dem Passierschein A38 im Haus, das Verrückte macht (Asterix erobert Rom). „Mal wollen sie das eine, und dann wollen sie wieder dasselbe!“

Diesen Text habe ich vor ein paar Wochen geschrieben, spontan und unter dem Eindruck damals aktueller Ereignisse. Inzwischen hat sich die Sache in der Realität ganz anders entwickelt. Trotzdem finde ich, dass der Tag der Deutschen Einheit ganz gut als Veröffentlichungstermin passt.

Ich stellte mir vor, wie der aktuelle Umgang mit einem anderen Land (gerne auch der Umgang des Landes mit Deutschland, je nach Sichtweise) in meiner Branche aussehen würde.

Es gibt Unternehmen, die ihre freiberuflichen Kontakte an andere Unternehmen weiterempfehlen und für diese Empfehlung Geld nehmen: „Vermittler“ nennen wir sie. Im Grunde tun sie nichts anderes, als was Grundstücksmakler oder Versicherungsagenten auch machen: Sie haben Kontakte, die andere nicht haben, und ihre Leistung besteht darin, die offenen Enden zu verknüpfen und damit Geld zu verdienen.

Und dann gibt es Unternehmen, noch einen Schritt weiter gehen. Die stellen einfach eine Menge Leute ein, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Aber sie wissen, dass andere Unternehmen diese Leute brauchen, weil die über bestimmte Fähigkeiten verfügen, die am Markt gerade gesucht werden. Daher leihen sie diesen Unternehmen ihre Angestellten für eine gewisse Zeit aus, und das zu einem höheren Betrag, als sie diesen selbst zahlen. So machen sie Gewinn, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass die Angestellten in relativer Sicherheit leben können.

Gedankenspiel

Nehmen wir mal an, ich hätte ein Unternehmen aus der letztgenannten Branche, das im Rahmen der sogenannten „Arbeitnehmerüberlassung“ tätig wäre. Natürlich habe ich darauf geachtet, dass mein Unternehmen Spezialisten aus vielen verschiedenen Branchen beschäftigt. Unter meinen Leuten ist auch eine gut ausgebildete Truppe, deren Profession die Gebäudesicherheit ist. Nehmen wir ferner an, ein anderes Unternehmen bräuchte meine Hilfe, weil bei ihnen dauernd Einbrüche verübt würden. Der Direktor dieses Unternehmens, nennen wir ihn mal Herr A., bat mich, meine Security-Leute für eine gewisse Zeit ihr Betriebsgelände bewachen zu lassen, um zu verhindern, dass jemand unerlaubt eindringt.

Normalerweise würde ich mir das gut bezahlen lassen. Weil ich aber hoffe, dass Herr A. in Zukunft noch öfter auf meine Dienste zurückgreift und vielleicht sogar eine strategische Partnerschaft eingehen wird, lasse ich meine Security-Truppe vorerst unentgeltlich ihre Arbeit tun.

Selbstverständlich ist es meine Pflicht, für ein reibungsloses Funktionieren meiner Angestellten zu sorgen. Dazu besuche ich gelegentlich auch die Einsatzorte, rede mit den Leuten und versuche, Probleme zu lösen. In einem großen Unternehmen nennt man so etwas „Qualitätssicherung“. Damit sind alle zufrieden, denn das nützt letztlich jedem.

Ein ganz anderer Teil meines Unternehmens hat weniger „körperliche“ Aufgaben. Das sind mehr die Kopfmenschen, die beobachten und analysieren und dann kluge Texte verfassen. Das hilft mir und anderen Unternehmen wiederum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Analysten“ werden sie zum Beispiel in einer Bank genannt. Diese Abteilung verleihe ich nicht gegen Geld an andere Unternehmen, ich stelle ihnen nur deren Ergebnisse zur Verfügung.

Die Zwickmühle

Nun kam es vor ein paar Monaten dazu, dass meine Analysten in der Frage einer Bewertung eines anderen Unternehmens zu dem Schluss kamen, dass dieses Unternehmen in der Vergangenheit einige gröbere Fehler gemacht hat. So etwas ist natürlich immer Einschätzungssache, aber nach Sichtung aller Fakten kamen sie zu dem Schluss, dass das nicht richtig war, was da vor längerem passiert ist.

Das Dumme daran: Es handelt sich bei den beiden genannten Unternehmen um ein und das selbe. Meine Analysten haben also das Unternehmen kritisiert, dem ich gerade kostenlos mit meiner Sicherheitsdienstleistung aushelfe. Und das findet Herr A. gar nicht gut. Paradox daran ist, dass damals, als diese dumme Sache passiert ist, Herr A. noch gar nicht der Direktor war. Er kann also gar nicht zur Verantwortung gezogen werden, und das hatte auch niemand behauptet. Herr A. freut sich zwar darüber, dass meine Leute kostenlos seine Firma bewachen, aber aus gekränkter Eitelkeit verbietet er mir, meine Security-Truppe zu besuchen. Jetzt haben wir ein Problem.

Was also tun?

Wenn ich immer noch hoffe, dass Herr A. eines Tages ein guter Geschäftsfreund wird, könnte ich auf einen Besuch im Moment verzichten. Ich könnte auch meine Analysten auffordern, ihre Entscheidung nochmal zu „überdenken“. In beiden Fällen würde ich allerdings Herrn A. zeigen, dass ich nach seiner Pfeife tanze. Das würde meinem Ansehen bei den eigenen Angestellten und anderen Kunden erheblich schaden.

In diesem hypothetischen Szenario würde ich vielleicht als erstes meine Analysten anweisen, zu prüfen, ob sie bei der Analyse nicht vielleicht doch einen Fehler gemacht haben. Es könnte ja sein, so etwas passiert nun mal, und das müssen wir auf alle Fälle ausschließen. Sie sagen aber, das sei alles ok so.

Tja, dann muss es wohl sein: Ich werde meine Leute von der kostenlosen Bewachungsaktion abziehen. Ich kann es nicht zulassen, dass ein Unternehmer meine Dienste in Anspruch nimmt, nicht bezahlt, und mich dann einfach so vorführt.

Solche Geschäftsfreunde brauche ich nicht, denn so jemand ist nicht vertrauenswürdig.


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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