Brief an einen fiktiven Steuerberater

Sehr geehrte/r Herr/Frau Steuerberater/in, (*)

ich danke Ihnen vielmals für die gute Betreuung und die schnellen Informationen, die ich von Ihnen regelmäßig erhalte. EMail ist dafür sicher mehr als gut geeignet, denn sie ist nicht nur beeindruckend schnell, sondern auch kostenlos. Beides kommt allen Beteiligten zugute.

Allerdings hat eMail auch einen entscheidenden Nachteil: Sie wird in der Regel unverschlüsselt übertragen und kann daher theoretisch von fremden Personen mitgelesen werden. Das wird in dem Moment besonders interessant, wenn darin persönliche Daten enthalten sind wie zum Beispiel die Höhe meines Gehalts oder meiner demnächst abzuführenden Umsatzsteuer. Denn solche Daten können — wie alles, was in einer eMail steht — ohne Wissen von Absender und Empfänger mit gelesen werden. Zwar mag das nicht jeder Bürger einfach so tun können, aber wer an den Schlüsselstellen des Internets sitzt, hat auf so etwas Zugriff.


Werbung

SmallInvoice Logo

EMail, die elektronische Postkarte

Ich vergleiche das gern mit einer Postkarte. Alles, was dort geschrieben steht, ist für alle Personen, die mit dem Transport der Karte beschäftigt sind, im Klartext lesbar. Wenn man von Lesbarkeit der Handschrift absieht (die es bei eMail nicht gibt), bleibt allerhöchstens noch der Trick, irgendwelche verqueren Formulierungen zu verwenden, um den Postboten zu verwirren. Ich kenne niemanden, der sich bei eMail diese Mühe gemacht hätte.

Im Gegenteil: Wann immer ich meine Freunde und Bekannten darüber aufzuklären versuchte, scheiterte dies spätestens nach ein paar Sätzen mit dem Argument „ich habe doch nichts zu verbergen“. Interessanterweise wollten diese Personen über ihr Gehalt oder die Zugangsdaten zu ihrem Bankkonto dann doch nicht mehr ganz so offen reden. Das würde Alan Posener vermutlich ganz anders sehen, der in diesem Artikel der Welt für eine generelle Offenlegung aller Daten plädiert. Dem kann ich mich nicht so ganz anschließen.

Doch nicht so offen?

Manche Daten dürfen sicherlich einen gewissen Schutz beanspruchen. Ich sage das ohne hinreichendes juristisches Basiswissen, das einzige was ich vorweisen kann ist der „gesunde Menschenverstand“. Dennoch vertrete ich unverrückbar die Ansicht, dass meine Einkommensdaten doch lieber privat bleiben sollten. Dass ich diese dem Staat gegenüber offenbaren muss, ist die eine Sache. Aber ein größeres Publikum muss wirklich nicht sein.

Ich würde es daher begrüßen, wenn Amtspersonen und Dienstleister künftig solche sensiblen Informationen nur noch in verschlüsselten und signierten Mails austauschen. Dafür gibt es verschiedene technische Möglichkeiten, keineswegs nur den von der Deutschen Post favorisierten E-Post-Brief oder das De-Mail-Verfahren. Die inzwischen leider kostenpflichtige Software PGP und das kostenlose dazu kompatible GnuPG sind ebenfalls gute Möglichkeiten. Auch kostenlose Zertifikate wie z.B. von CACert.org sind eine Möglichkeit, und S/MIME wird von vielen eMail-Programmen unterstützt. Zertifikate sind dabei per se betriebssystemunabhängig, und die Software gibt es meines Wissens für alle gängigen Betriebssysteme.

Es geht also längst, und es gibt mehr als einen Weg. Man muss es nur wollen. Und wenn Sie immer noch nicht überzeugt sind, dann denken Sie doch einfach mal an Edward Snowden und vielleicht an die Tatsache, dass Geheimdienste keineswegs die einzigen sind, die sich für unsere Geheimnisse interessieren. Die dunkle Seite der Macht ist es, der wir unsere Aufmerksamkeit nicht versagen sollten.

Ich darf Sie daher bitten, lieber Herr Steuerberater (*), meinen Daten in Zukunft etwas mehr Sorgfalt angedeihen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Jüngling

 

(*) Der Steuerberater kann selbstverständlich durch einen beliebigen anderen Dienstleister ersetzt werden, wie z.B. Bänker, Ärzte oder auch einen Geschäftspartner.

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

3 + siebzehn =