Keine Schätzungen mehr!

Handyanruf: „Wie lange brauchst du noch zum Einkaufen?“ Tja, wie lange wird es an dieser Kassenschlange wohl noch dauern, bis du bezahlt hast? Wie lange dauert es, von Kassel nach Hannover zum Messegelände zu fahren? Wie lange brauchst du, um den Kunden zu überreden, unsere Software zu kaufen? Wie? Das weißt du nicht? Dann bist du als Mensch untauglich! Manche Chefs so.

Zeitschätzung - ein Drahtseilakt
Zeitschätzung – ein Drahtseilakt

Warum wissen wir so etwas eigentlich nicht? Schließlich hat doch jeder von uns des Öfteren mal in einer Kassenschlange warten müssen. Oder ein Kasseler Softwareentwickler hat ein paar mal die CeBIT besucht, ein Verkäufer einem Kunden eine Software verkauft. Die müssen doch wissen wie lange das dauert!

Irgend jemand will so etwas immer mal wissen. Und wie lauten üblicherweise die Antworten? Wenn man nicht sagt „ich weiß es nicht“, dann sicher irgendwas mit „ungefähr“, „circa“, „allerhöchstens“. Warum lautet die Antwort für die Fahrt zur Hannover-Messe niemals „1 Stunde, 45 Minuten und 37 Sekunden“? Weil wir es eben nicht wissen, sondern allerhöchstens schätzen können. Selbst das Navi, das über Echtzeitdaten des vor uns liegenden Verkehrs verfügt, das minutengenau die Verzögerung durch einen Baustellenstau vorhersagen kann, selbst dieses Präzisionsgerät (-Netzwerk) scheitert an einem Ampelstau — und korrigiert minutenweise die Ankunftszeit. Wird der Kleinwagen noch durchkommen, oder schläft der Fahrer am Steuer? Eine Ampelphase kann uns durchaus mehrere Minuten kosten, und dann erst die Parkplatzsuche! Ergo: Eine Voraussage der Ankunftszeit enthält immer einen großen Unsicherheitsfaktor.

Wir alle wissen, dass solche Schätzungen niemals verlässlich sind, und äußern uns daher bewusst vage. Doch sobald wir die Bürotür durchschritten haben, ist dieses Basiswissen plötzlich verschwunden. Dann wird knallhartes Wissen über die Zukunft von uns verlangt. Dabei ist dies den wenigsten Menschen gegeben, wie selbst Professor Dumbledore in dem fiktiven Roman „Harry Potter“ zugeben musste: „Die Vorhersage der Zukunft ist einer der schwierigsten Bereiche der Magie! Auch die erfahrensten Zauberer schaffen es oft nicht, mehr als nur an der Oberfläche zu kratzen!“ (Aus dem Gedächtnis zitiert.)

Die Idee, eine Aufgabe in kleinere Aufgaben zu zerteilen und diese dann, wenn sie hinreichend klein sind, zu schätzen (weil dies einfacher ist), ist nicht neu. Das von mir bereits erwähnte Programm ToDo-List und sicher noch viele weitere setzt genau diese Idee um, und sie ist sicher nicht schlecht. Die Frage „wie lange brauchst du, um eine Konstante anzulegen?“ ist recht einfach zu beantworten, weil Konstanten immer gleich sind und das „Anlegen“ nach immer dem gleichen Muster vor sich geht. Wenn man es erst einmal schafft, eine Programmieraufgabe in so kleine Teile zu zerlegen, kann man den Zeitpunkt der Fertigstellung sicher minutengenau vorhersagen. Doch wer schafft das schon? Werden nicht solche Designentscheidungen oft erst während der Programmierung getroffen, jedoch nicht während der Planungsphase? Wo also sollte die Basis für eine so genaue Schätzung sein, auch wenn wir irgend etwas vermeintlich schon tausend mal gemacht haben?

Hier wird Softwareentwicklung mit Fließbandarbeit, mit Massenfertigung verglichen. Und das ist so falsch, wie es falscher kaum sein könnte.

Viel eher sollte die Frage lauten: „Wie lange brauchen Sie, um zu denken?“

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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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