Allgemeinwissen

Das ist so ein Begriff, der gern genutzt wird, wenn man Selbstverständliches ausdrücken möchte: Allgemeinwissen. Das Problem dabei ist, dass dieses Wissen manchmal nicht für jeden gleichermaßen „allgemein“ ist. Eine kleine Anekdote aus früheren Zeiten.

Es war kurz nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze. In gewisser Hinsicht war die neue Bundesrepublik ebenso jungfräulich wie mein eigenes Business. Ich arbeitete damals als freiberuflicher EDV-Dozent für einen Anbieter von Arbeitsamtsmaßnahmen in Berlin. Für eine meiner ersten Gruppen hatte ich die Aufgabe, einen Programmiersprachenüberblick zu lehren. Aus irgendeinem Grund wollte der Lehrplan, dass die Teilnehmer(innen) lernen sollten, was verschiedene Programmiersprachen ausmacht und wie man damit umgeht. Ursprünglich sollte es sogar ein rein theoretischer Unterricht sein! Total genial, nur auf dem Papier programmieren zu lernen. Aber weltfremde Lehrpläne sind ja nichts grundlegend neues, gewissermaßen Leerpläne.

Gottseidank konnte ich den Anbieter überreden, uns einen Raum mit PCs zu überlassen, denn man lernt am besten durch die Anwendung. Etwas Theorie musste natürlich trotzdem sein, aber in der Umsetzung in Zweiergruppen am PC lernten die Teilnehmer, dass auch die Praxis gewisse Fallstricke bereithalten kann. Denn was auf dem Papier manchmal noch gut aussieht, wird durch die unvermeidlichen Tippfehler vom Compiler gnadenlos bemängelt.

Nun muss (sollte) man als Kursleiter den Schülern auch realistische Aufgaben geben. Die ersten 100 Primzahlen oder die Fibonacci-Reihe auszurechnen mag zwar mathematisch einigermaßen spannend sein, aber das Erfolgserlebnis wird sich dabei nicht unbedingt einstellen. Also dachte ich mir, wir machen einfach mal Musik. In dem verwendeten Basic-Dialekt war unter anderem der Befehl sound() enthalten. Mit diesem konnte man einen einzelnen Ton ausgeben lassen. Als einzigen Parameter dieser Funktion war die Frequenz in Hertz anzugeben.

Als Musikstück wählte ich zunächst „Alle meine Entchen“ aus. Das ist einigermaßen einfach, weil es ja im wesentlichen nur der Tonleiter folgt. Nun ist es sicher nicht gerade allgemein bekannt, welche Frequenz welcher Ton hat, und es ist auch nicht üblich, Musik in dieser Weise zu beschreiben. Die übliche Notation ist natürlich die Notenschrift, und die verwendete ich an der Tafel. Ich malte die Notenlinien auf, fügte Notenschlüssel und die Noten ein und dachte, ok, das reicht wohl.

12. Wurzel aus 2Nun ging es noch darum, den Übergang von den Noten zu den Frequenzen zu erklären. Ausgehend von dem Kammerton „a“ mit 440 Hz erklärte ich, dass die wohltemperierte Stimmung pro Oktave 12 Halbtöne kennt, und dass die Frequenz pro Oktave um den Faktor 2 ansteigt bzw. abfällt. Bei gleichbleibendem Frequenzverhältnis benachbarter Töne zueinander muss dieses bei einem Halbtonschritt folglich die 12. Wurzel aus 2 sein. Und die Wurzel ziehen wir mit der Funktion sqrt(), und die n-te Wurzel aus x kann man auch als x hoch 1/n berechnen.  Schleifen und Verzweigungen kannten wir schon, damit sollte eigentlich alles geklärt sein. Dachte ich.

Na dann mal los, sagte ich, und lehnte mich zurück. Niemand rannte an den PC, keine Taste klapperte. Was ist los, fragte ich, wo hängt’s? Die Teilnehmer drucksten herum. Nach einiger Zeit traute sich eine Frau zu sagen: „Wir können keine Noten lesen!“

Ich war baff. Ich hielt „Noten lesen“ wirklich und wahrhaftig für Allgemeinwissen, so wie Deutsch lesen und schreiben, wie die Grundrechenarten. So kann man sich irren.

Long story short, ich erklärte also noch die Grundlagen der Notenschrift und zeigte ihnen, wie man aus dem G-Schlüssel die G-Linie erkennt, wie die Noten genannt werden. Die weiteren Herausforderungen wie Viertel, Achtel, Halbe und Ganze Noten waren dann nicht mehr sehr schwierig. Wir entwickelten dann gemeinsam noch eine (willkürliche) Zeitbasis, so dass am Ende nicht nur die richtigen Töne, sondern auch der richtige Rhythmus herauskam.

So kann es gehen mit dem vermeintlichen Allgemeinwissen, das so allgemein manchmal gar nicht ist. Fragt also im Zweifelsfall lieber nach, bevor ihr für arrogant gehalten werdet, weil Dinge für euch selbstverständlich sind, für andere jedoch nicht.

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