Zurück an die Arbeit!

Es ist gut, dass das mal jemand ausspricht beziehungsweise schreibt. Zu oft ist man in der Tretmühle gefangen, ohne sie wahrzunehmen. Mag sie nun mit Worten wie „das haben wir schon immer so gemacht“ ausgesprochen oder stillschweigend gelebt werden. Viel zu oft habe ich in meinem Umfeld darauf hingewiesen, leider meistens erfolglos. Nun steht es geschrieben, und das ist ja etwas anderes. Hier meldet sich jemand zu Wort, der es wissen muss. Ein hochbezahlter „Externer Berater“. Jetzt passiert endlich etwas. Hoffentlich.

Nun bin ich ja nie der gewesen, der gerne Theater spielt. Authentizität liegt eher in meiner Natur als irgendeine Rolle zur Schau zu stellen. Doch zu erfahren, dass ich unbewusst wohl doch zu den Schauspielern gehöre, ist schon ein harter Schlag. Wie konnte es dazu kommen? Ach so, worum geht es eigentlich? Es geht um Arbeit, die keine Arbeit ist. Denn einen erheblichen Teil unserer Arbeitszeit arbeiten wir eigentlich gar nicht, sagt Lars Vollmer. In seinem neuen Buch „Zurück an die Arbeit“ geht er ziemlich hart mit uns ins Gericht. Meetings, Mitarbeitergespräche, Budgetverhandlungen und dergleichen mehr sind also keine Arbeit, sagt er. Das ist Theater, eine Posse, bestenfalls noch sozial notwendiges Geplänkel, aber nicht produktiv, es dient nicht dem Kunden.

Bin ich also doch ein Schauspieler, weil ich die Hälfte meiner Zeit an Meetings teilnehme oder mich bemühe, realistische Projektpläne zu malen? Bin ich etwa selbst Schuld daran, dass ich mich manchmal schlecht fühle, weil ich nicht beide Seiten befriedigen kann, den Kunden und meinen Chef? Vollmer sagt: Nein, ich bin nicht schuld. Er will keine Schuld suchen, aber er sucht Gründe. Er will niemanden verantwortlich machen, aber Missstände aufzeigen, auf dass man sie tunlichst abzustellen versuche. Dazu muss er uns in die Lage versetzen, diese Missstände überhaupt erst einmal wahrzunehmen! Denn ohne Wahrnehmung kann sich nichts ändern. Und diese Wahrnehmung bedeutet, Wirkleistung von Blindleistung zu unterscheiden, wie es der Elektrotechniker ausdrücken würde. Arbeit ist das, was dem Kunden nützt.

Daher legt Vollmer im ersten Teil seines Buches großen Wert auf die Schilderung der Hintergründe. Und gleichzeitig legt er den Finger in die Wunde und bohrt ordentlich darin herum. Etwas Salz und Chili noch dazu, ja, es soll weh tun. Und es tut weh! Denn von der Illusion, das Leben sei hauptsächlich durch eigene Entscheidungen bestimmt, muss ich mich wohl endgültig verabschieden. Ich bin in einer Rolle gefangen, und das Drehbuch schreibt ein anderer.

„Zurück an die Arbeit“ ist kein Fachbuch im üblichen Sinne. Hier schreibt ein Mann der Praxis, und er spricht unsere Sprache. Es ist keine abgehobene wissenschaftliche Arbeit, wie sie ein Psychologiestudent vielleicht als Doktorarbeit einreichen würde. Es ist ein Buch, das jeder von uns lesen kann, weil es verständlich geschrieben ist und die Dinge beim Namen nennt. Was sage ich, lesen kann? Lesen sollte! Vollmer verwendet einen sehr lockeren Umgangston, ohne dabei ausfallend oder unsachlich zu werden. Bei aller Lockerheit blickt immer der Ernst der Lage durch und es hat den Anschein, als ob es vielleicht letzten Endes doch eine Lösung für alles geben könnte.

Denn bei aller Erkenntnis steckt zwischen den Zeilen dieses Quantum Trost, dass es vielleicht doch eine Chance auf Veränderung gibt. Nichts ist von Dauer, nicht einmal das Übel. Meine Wahrnehmung ist geschärft, und ich bin sicher, dass dieses Buch auch dein Leben verändern wird. Es ist kein Glaubensbekenntnis, aber es öffnet unsere Augen. Also los, zurück an die Arbeit!


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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