Abweichendes Verhalten

Der Mensch ist schon ein komisches Tier. Dinge, die er häufig sieht, nimmt er nicht wahr, aber wehe, etwas verändert sich. Gut, ok, Männer sind da die Ausnahme, die merken nicht mal, wenn die Frau eine neue Frisur hat. Aber ganz grundsätzlich: Immer dann, wenn abweichendes Verhalten beobachtet wird, wird der Mensch aufmerksam. Dann schaut man genauer hin und entdeckt vielleicht sogar Dinge, die einem vorher nicht aufgefallen sind. So auch im konkreten Fall.

Alte Registrierkasse
Foto: maxmer

Versetzt euch bitte mal in die Lage eines ganz normalen Menschen, der in einen Supermarkt geht, um ein paar Sachen einzukaufen. Du stehst an der Kasse, die Schlange bewegt sich langsam vorwärts, und dann bist du dran. Deine Waren werden einzeln über den Scanner gezogen, die Kasse zeigt jeden Einzelpreis an und du packst währenddessen alles wieder in den Einkaufswagen. Am Ende passiert … was genau? Was zeigt die Kasse?

Ihr wollt mir jetzt nicht erzählen, dass ihr das nicht wisst! Natürlich zeigt die Kasse den Gesamtpreis. Jede Kasse tut das. Alle. Immer. Auch an der Autobahnraststätte ist das so, im Tante-Emma-Laden um’s Eck, und sogar im Metro. Alle Kassen zeigen erst den Gesamtpreis an, bevor es an’s Bezahlen geht.

Warum machen die das? Nun, das ist wohl klar: Anschließend muss der Kunde den entsprechenden Betrag seinem Portemonnaie entnehmen und der Kassiererin geben. Es hat schon seinen Grund, dieses „übliche Verhalten“.

Machen das wirklich alle Kassen so? Oder doch nicht alle? Nun ja, es gibt offenbar doch Ausnahmen. Ausnahmen von der Regel.

Warum erzähle ich das alles?

Ich erzähle diese Geschichte, weil ich die Ausnahme gefunden habe, die angeblich die Regel bestätigt. Saudummer Spruch, ich weiß. Jeder kennt ihn, keiner versteht ihn, ich auch nicht. Es handelt sich um die Kasse eines Catering-Dienstleisters, bei dem ich gelegentlich zu Mittag esse. Die Ausnahme besteht darin, dass diese Kasse immer nur den letzten Preis anzeigt, der eingegeben wurde. Das geht so lange gut, wie ich nur ein einziges Gericht ordere. Aber wenn ich mal auf die Idee komme, zusätzlich noch einen Nachtisch hinzu zu nehmen, dann steht auf dem Kassendisplay nur der letzte Einzelpreis, sagen wir mal 90 ct. Was denken wir da üblicherweise? „Na, die Kassiererin wird sich vertan haben, 90 ct für das ganze Mittagessen sind sicher ein Versehen. Aber jetzt mal schnell die Karte auflegen, bevor sie es merkt!“ Und flugs hat man bezahlt. Tolle Sache, oder?

In Wahrheit kostete das Menü aber vielleicht 5,50 €, und die 90 ct waren nur die für den Nachtisch. Immer noch ein Schnäppchen, aber es könnten gut und gerne auch mal 19,80 € sein. Das wäre dann hart. Den Irrtum würde ich vielleicht erst einige Zeit später merken, wenn ich die Karte mal wieder aufladen muss. Dann kann ich sie aber kaum noch dem einzelnen Bezahlvorgang zuordnen. Nur das unbestimmte Gefühl bliebe, dass da etwas nicht stimmen kann.

Irrtum? Betrug? Alternative Fakten?

Bevor ich jetzt das trump’sche Erklärungsmodell bemühe, bleiben wir lieber bei den echten Fakten. Ich fragte mal die Kassiererin, ob sie denn nicht den Gesamtpreis darstellen könne. „Nein, das geht nicht“ war die seinerzeitige Antwort, inzwischen sicher 1/2 Jahr her. Sprüche wie „unser Computer kann das nicht“ habe ich ja schon häufiger gehört, und glauben tue ich sie immer noch nicht.

Vor kurzem fragte ich erneut (hinter mir eine Schlange), warum man denn immer noch nicht den Gesamtpreis anzeigt, bevor ich die Bezahlkarte auflege. „Sie müssen mal richtig hingucken“, kam die zickige Antwort. Ich: „Das tue ich, da stehen 90 ct, das ist nur das Dessert.“ Darauf sie wieder: „Ja wenn Sie die Karte auflegen, dann steht da der Gesamtpreis.“ Klar, Recht hat sie, aber das war ja nicht der Punkt. Ich will den Preis sehen, bevor ich den Blankoscheck ausstelle. So wie das im Supermarkt auch geht. Aber nicht hier. Unser Computer kann das nicht.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Kasse das wirklich nicht kann? Ist es nicht naheliegender, dass das Problem bei der Kassiererin liegt, dass sie nicht kann oder nicht will? Oder an der Konfiguration, vielleicht will man dadurch Zeit sparen? Einige von euch werden nun vielleicht sagen, das Problem könne genauso gut auch bei mir liegen. Stimmt, könnte es. Mir ist es nicht egal, wie viel mein Mittagessen kostet und ob ich permanent betrogen werde (auch eine mögliche Erklärung). Wem das egal ist, der möge sich gerne bei mir melden. Ich hätte da ein paar kreative Vorschläge zur Geldverteilung.


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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