Unser aller Bildungsauftrag

Das Wort zum Montag heute mal wieder aus einer anderen Perspektive. Ein bekannter Spruch lautet: „If you pay peanuts, you’ll get monkeys!“ Es geht um die Frage, was wir den Leuten bezahlen wollen, die freiwillig anderen etwas beibringen. Das ist nämlich gar nicht so einfach, wie mancher denkt! Wie können wir unserem Bildungsauftrag gerecht werden, nachfolgende Generationen nicht in Dummheit versinken zu lassen?

In den 90ern habe ich viele Jahre lang als freier Dozent gearbeitet. Es herrschte eine Art Aufbruchstimmung, für viele Menschen war es nach der Wiedervereinigung die Entdeckung eines „Neulands“ im wahrsten Sinne, und das ist nicht nur geographisch gemeint. Es „wuchs zusammen, was zusammen gehörte“ (nach Willy Brandt) und viele Menschen aus dem Osten hatten mit der im Westen weit verbreiteten Software noch nichts zu tun gehabt. Die CoCom-Liste sollte verhindern, dass der Feind im Osten die westliche Hochtechnologie (oder was dafür gehalten wurde) in die Finger bekam. Doch ich schrieb absichtlich „viele“ und nicht „alle“, denn der eiserne Vorhang war doch etwas löchrig.

Damals habe ich viele junge und ältere Erwachsene in den Bereichen „MS Office“ und „Programmierung in VBA“ unterrichtet, ebenso „relationale Datenmodellierung mit Access“. Waren es zunächst Kurse für das Arbeitsamt, kamen später auch Firmenschulungen hinzu. Die Themen und Anforderungen an einen solchen Kurs wurden je nach Auftraggeber unterschiedlich formuliert, waren aber im wesentlichen vergleichbar. Doch der Teufel steckt im Detail.

Eine falsche Taste …

Es gab diesen Spruch: „Eine falsche Taste, und alles ist gelöscht!“ Das war und ist natürlich Blödsinn, aber die Menschen haben es geglaubt, besonders die, die absolut noch gar nichts mit dieser neuen Technik zu tun hatten. Entsprechend zurückhaltend waren sie dann selbst mit den Schulungsrechnern, und auch meine steten Beteuerungen, sie könnten nichts kaputt machen (und selbst wenn, würde man das schnell wieder neu aufsetzen können), fruchteten oft erst nach mehrfacher Wiederholung.

Auch seltsame Ansichten über Computer im Sinne „COMPUTER KÖNNEN NUR GROSSBUCHSTABEN!“ musste ich mir von Teilnehmern anhören, die dann trotz des direkten Gegenbeweises vor ihren Augen darauf beharrten. Die Kleinbuchstaben hielten sie wohl für einen magischen Trick des Dozenten.

Wer lesen kann …

Bei den Unterlagen gab es große Unterschiede. Mal wurden sehr gute Standards wie die aus dem Herdt-Verlag verwendet, mal brachte der Auftraggeber eigene Unterlagen ein, und manchmal sollte der Dozent diese stellen bzw. erstellen. Das ist offenbar auch heute noch so, und alle diese Varianten habe ihre spezifischen Vor- und Nachteile.

Standards wie der genannte von Herdt klingen auf den ersten Blick sehr einfach. Doch wenn ich bedenke, dass fast jeder Schulungsauftrag ein wenig anders war, bedeutete das im Einzelfall immer wieder eine Anpassung des Unterrichtskonzeptes, mag sie auch noch so subtil sein. Da kann der Dozent im Unterrichtsmaterial nicht einfach von Seite zu Seite gehen (was für den Teilnehmer sehr übersichtlich wäre), sondern muss die Kapitel und Übungen gezielt anspringen. Das erweckt beim Teilnehmer schnell den Eindruck der Konzeptlosigkeit.

Bei den Unterlagen des Auftraggebers bestand die umgekehrte Herausforderung, sich diese zu eigen zu machen und in den Schulungsprozess zu integrieren. Nicht weniger aufwändig, im Gegenteil.

Die selbsterstellten Unterlagen hätten sicher den großen Vorteil gehabt, bei hinreichend modularer Aufarbeitung des Themas schnell an neue Anforderungen angepasst werden zu können. LATEX, hätte ich es damals schon gekannt, hätte hierbei sicher seine Stärken ausspielen können.
Wenn die Kapitel in einzelnen Dateien gehalten sind, kann je nach Bedarf mit mehreren Anweisungen wie \input{serienbriefe.tex} alles benötigte in den Gesamttext integriert werden. Die Einstellungen für die Titelseite sind schnell angepasst, und für Inhaltsverzeichnis, Index und Glossar sorgt dann LATEX selbst. So ist schnell ein individuelles PDF zusammengestellt, das dann evtl. nur noch doppelseitig gedruckt und geheftet werden müsste. Ein sauberes doppelseitiges Layout ist natürlich Teil der LATEX-Vorlage.
Auch mit Word wäre es ähnlich gegangen (Haupt- und Filialdokumente), doch der Aufwand stand in keinem Verhältnis zum Nutzen. Denn was hier mit wenigen Worten beschrieben wurde, erfordert umfangreiche Vorbereitung! Das, und das Thema des nächsten Kapitels, hat mich nachhaltig davon abgehalten, in großem Stil eigene Unterlagen zu erstellen (obwohl mir die wenigen Einzelfälle sehr viel Spaß gemacht haben).

Ich glaube, wenn ich heute noch einmal vor einer solchen Herausforderung stehen würde, würde ich diesen dritten Weg gehen. Das wäre Anfangs ein ansehnlicher Mehraufwand, aber im Laufe der Zeit würde der Nutzen den Aufwand sicher überwiegen. LATEX bringt zusätzlich noch den Vorteil mit, rein textbasiert zu sein, so dass die aus der Quellcodeverwaltung hinreichend bekannten Methoden zum Einsatz kommen können. Das schafft Sicherheit.

Entlohnung

Symbolbild: Geldmünzen auf der Tastatur
Symbolbild: Geldmünzen auf der Tastatur

Ich habe schon damals bemerkt, dass die Honorare in diesem Bereich nicht besonders üppig waren. Da war die Frage, welchen Aufwand ich in die Vorbereitung stecke, natürlich von besonderer Bedeutung. Einerseits erforderte der eigene Anspruch an die Qualität des Unterrichts ein gehöriges Maß an Vorbereitung. Andererseits musste kaufmännisch gesehen jede Stunde Vorbereitung gegen die Anzahl der Folgeaufträge abgewogen werden. Wird (wie gemeinhin angenommen) der selbe Zeitaufwand für die Vorbereitung wie für den eigentlichen Unterricht aufgewendet, halbiert sich bei nur einem Kurs das effektive Honorar. Bei zehn gleichen Aufträgen sieht das schon anders aus. Der 11fache Aufwand für 10x Honorar, das ist durchaus tragfähig. Doch kam/kommt es überhaupt zu so vielen gleichartigen Beauftragungen?

Bei Standardsoftware kann das durchaus passieren. Zwar wird auch hier durch eine neue Version immer mal etwas geändert, aber so gravierende Schnitte wie damals von WinWord 2 auf 6 oder von Office 2003 auf 2007 („Ribbons“) sind doch eher selten. Damals wie heute betraf die Neuerung die graphische Oberfläche von Word, was sich direkt auf alle Screenshots in den Unterlagen auswirkt. Der funktionelle Unterbau des Programms hat sich — wen wundert’s — kaum verändert.

Doch wie sieht es aus, wenn es wahrscheinlich bei einem einmaligen Auftrag bleibt? Ich bekam dieser Tage (also Anfang 2017) eine Anfrage zu einem Kurs, den ich hier nur beispielhaft erwähnen möchte. Das Thema betrifft eine Videoschnittsoftware, wobei ausdrücklich „Expertenniveau“ gefordert ist. Ich kenne die Software nicht, frage mich allerdings, auf wie viele Aufträge ich hoffen könnte, wenn es anders wäre und ich die Seminarvorbereitung leisten und die Seminarunterlagen erstellen müsste.

Dies sind die Eckdaten der Anfrage („UE“ = Unterrichtseinheit):

  • Honorar 20,00 €/UE
  • 1 UE = 45 Minuten
  • Unterlagen vom Dozenten zu stellen
  • Insgesamt 80 UE

Nehmen wir obige Kalkulation (Vorbereitungszeit = Unterrichtszeit) für einen einmaligen Auftrag hinzu, verbleiben effektiv etwa 13,33 Euro pro Stunde. Das entspricht ziemlich genau dem Mindestlohn für Reinigungskräfte in Hessen in Lohngruppe 6 seit dem 1.1.2017 (Quelle). Eine andere Quelle meint, es seien „für eine Basis-Büroreinigung Preise zwischen 16-18€ pro Stunde üblich“.

Das einzelne Auftragsvolumen beträgt hier 80 x 0,75 h = 60 Stunden zu 80 x 20 € = 1.600 €. Nehmen wir positiv denkend an, es gäbe tatsächlich 10 gleichartige Aufträge (insgesamt also 600 h zu 16.000 €) und rechnen den Aufwand für die Vorbereitung als elften unbezahlt hinzu (ergibt 660 h zum gleichen Preis), dann würde sich der effektive Stundensatz auf 16.000 €/660 h = 24,24 €/h erhöhen. Es würde damit aber immer noch niedriger liegen als die obige Angabe suggeriert, die zu 26,67 €/h führt. Mehr als das wird es bei diesem Job nie werden! Vor Steuern und sonstigen Abgaben.

Wie sollen wir so unserem Bildungsauftrag gerecht werden? Dem Auftrag, nachfolgende Generationen nicht im Müll versinken zu lassen? Sicher hängt das nicht an den Kenntnissen von Videoschnittsoftware. Aber leider sieht es in anderen Bereichen nicht besser aus. If you pay peanuts, you’ll get monkeys!


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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