Der kapitalistische Schutzwall

Früher wollten alle „im Netz“ sein, damit sie wahrgenommen werden. Man gehörte nur dazu, wenn man auch eine Houmpäitsch hatte, und natürlich eine eMail-Adresse. Das führte dann zu so seltsamen Kombinationen wie „www.meinefirma.com“ und „meine-firma@aol.com“. Com-Adressen für eine De-Firma, und dann noch unterschiedliche Domains! Aber man war stolz darauf, auch wenn auf der Homepage nur „Herzlich willkommen zu unserem neuen Web-Auftritt!“ stand, und das jahrelang.

Heute ist man selbstverständlich dabei, und auf manchen Homepages tut sich immer noch nicht viel. Bei manchen stehen die „aktuellen News“ von 2009 noch ganz oben auf der Liste, Restaurants vergessen, ihre Öffnungs- und Urlaubszeiten zu aktualisieren – und wundern sich vielleicht, wieso sie so wenig Besucher haben, virtuell und real.

Wieder andere haben eine tolle Facebook-Fanpage, gut gepflegt und aktuell – aber keine WWW-Adresse mehr. Was, wenn Facebook den Account sperrt? Dann ist die Firmenpräsenz von jetzt auf gleich im Datennirvana verschwunden.

Screenshot: Warum sehe ich die FAZ nicht?Und dann gibt es noch die ganz seltsamen, die Abschotter. Diese lassen allerhöchstens einen „Teaser“ frei verfügbar stehen, aber für mehr muss man dann in die Tasche greifen. So als ob sich da jemand gedacht hätte „wenn ihr nicht freiwillig bezahlt, müssen wir euch halt dazu zwingen“. Doch wer zwingt mich, zum Beispiel die FAZ zu lesen? Gut, als ich diesen Screenshot gemacht habe, betraf es nur JavaScript, aber es gibt inzwischen häufig wechselnde Beispiele, dass Seiten ganz oder teilweise nicht sichtbar sind, wenn man nicht dafür bezahlt. Beim Spiegel habe ich zum Beispiel monatelang mitlesen können, weil ich meinen Mauszeiger an der richtigen Stelle gehalten habe und den einmal pro Minute aufpoppenden Hinweis mit einem einfachen Klick wegschubsen konnte – denn das Kreuz zum wegglicken befand sich immer an genau derselben Stelle. Später dann ging ohne Bezahlaccount gar nichts mehr, im Moment geht wieder alles, sogar ohne JavaScript.

Für jemanden wie mich, der begonnen hat, seine Erfahrungen in einem durchgehend freien World Wide Web zu sammeln, ist das immer noch frustrierend, obwohl ich es zum Teil auch nachvollziehen kann. Wer darauf angewiesen ist, mit der Website Geld zu verdienen, muss auch zu extremen Mitteln greifen, und sei es auch nur probeweise. In dem Zusammenhang ist natürlich auch das Thema Adblocker erwähnenswert. Dies wird manchmal ein wenig kontrovers gesehen, wie ich in Pressefreiheit = Werberecht? dargelegt habe.

Nehmen wir mal an, ich würde heute meine Website „dicht“ machen und von euch verlangen, mir einen wirklich nur kleinen Obolus pro Monat zu bezahlen, damit ihr meine Artikel weiterhin lesen dürftet. Wäre es euch das wert? Ich weiß, keiner wird jetzt „ja“ sagen, und sei es nur, damit ich das Experiment nicht tatsächlich umsetze :-) Aber rein für das Gedankenexperiment: Wann würdet ihr bezahlen? Doch sicher nur, wenn ihr der Meinung sein würdet, dass es das wert sei. Auf diese Weise würde ich vielleicht bestehende Leser monetarisieren, jedoch nie mehr neue gewinnen. Ich müsste auf einen Lawineneffekt hoffen, auf Weiterempfehlungen. Das ist das Dilemma, nicht wahr? Entweder offen sein und neue Leser gewinnen, oder verschlossen sein und auf ewig im eigenen Saft schmoren.

Gibt es überhaupt einen Ausweg? Ich behaupte nein, wenigstens nicht solange es noch Alternativen gibt. Und die wird es wohl immer geben, denn das Web ist groß.

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