Die Kritiker kritisieren

Wenn jemand kritisiert wird, wird gern die Phrase „Mach’s erstmal besser, bevor du meckerst!“ als Gegenargument verwendet. Dabei ist das aus meiner Sicht nicht unbedingt berechtigt. Warum sollte ich das Ergebnis nicht kritisieren, nur weil ich selbst kein absoluter Profi in dem Metier bin?

Es mag zum Beispiel vorkommen, dass ich in einem Konzert sitze, in dem ein herausragender und berühmter Pianist Werke von Brahms und Chopin darbietet. Aus irgendeinem Grunde vergreift er sich zwischendurch und es entsteht eine Dissonanz, die im ursprünglichen Werk nicht vorgesehen war. Fehler passieren, wie alle sind Menschen, wo ist das Problem? Der Ton ist nun mal gespielt, da führt kein Weg mehr daran vorbei. Dumm gelaufen.

Im Foyer dieses hypothetischen Theaters erwähne ich dann vielleicht im Gespräch mit anderen, dass das Konzert ja nahezu wunderbar war, jedoch — leider — bis auf diese eine Stelle. Dann mag einer (vielleicht ein Fan des Pianisten) erwidern „mach’s erstmal besser“. Heißt das nun, dass ich den zweifellos passierten Fehler nicht erwähnen darf, wenn ich kein besserer Pianist bin als beispielsweise Daniel Barenboim? Das würde die Zahl der Kritiker drastisch reduzieren, was sicherlich praktisch für nahezu alle Künstler wäre. Doch warum sollte man nicht über den Patzer reden dürfen? Ist der Maßstab „meckern nur, wenn man es besser kann“ wirklich angemessen?

Literatur

Literaturkritiker — so scheint’s — gibt es wie Sand am Meer. Daher wundert es nicht, dass auch die Literaturkritik selbst keineswegs über jeden Zweifel erhaben ist. Zu viele selbsternannte Kritiker üben willkürlich Kritik an Dingen, von denen sie doch eigentlich nichts verstehen, so der Volksmund.

Das Schreiben eines Romans erfordert sicher einiges an Können. Das beginnt bei dem trivialen „Schreiben können“, das man in der Regel bereits in der Grundschule lernt. Leider ist das nicht ganz so trivial, denn laut Wikipedia gibt es etwa 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland (Artikel-Stand März 2018). Diese sind hier aber nicht gemeint, denn sie würden vermutlich nicht in den Bannkreis der oben angesprochenen Kritiker fallen.

Aber auch das erzählerische Können spielt eine große Rolle. Ob ein längerer Text interessant oder langweilig empfunden wird, ist allerdings nicht nur vom Können des Autors, sondern auch vom Geschmack des Lesers abhängig. Nicht jeder Autor kann den Rang eines Dan Browns, Frank Schätzings oder Andreas Eschbachs haben, und nicht jeder Leser findet z.B. diese drei so gut wie ich. Hier scheiden sich die Geister, was verständlicherweise auch für die Kritiker gilt.

Dennoch stelle ich es in Frage, ob nur ein besserer Autor einen Kollegen kritisieren darf. Entscheidend hierfür wäre auch die Frage, nach welchem Maßstab man den besseren Autor denn finden würde. Würde auch hierfür stets nur ein noch besserer Autor geeignet sein, kämen wir über kurz oder lang sicher bei Gott persönlich an. Und ob der wirklich schreiben kann, erscheint mir auch noch fraglich. Immerhin hat er sich ja bei seinem einzigen Bestseller diverser Ghostwriter bedient :-)

Software

Übertragen wir die obige Situation auf die Software. Ebenso wie im musischen und literarischen Bereich gibt es hier eine gewisse Menge Softwareentwickler und eine im Vergleich dazu erheblich größere Zahl von Anwendern. Und ein jeder dieser Anwender könnte sich als Kritiker der Software berufen fühlen – und oft genug tun sie es auch.

Würde ein Entwickler nun bei jeder Bug-Meldung rufen „Hey, mach’s erstmal besser!“, dann würden wir eine Kultur des Chaos‘ erschaffen. In dieser Kultur wäre die Software so schlecht wie nur möglich, denn jede Kritik würde im Keim erstickt. Statt dessen richten Entwickler sogar Bugtracker ein, damit ihre Anwender möglichst leicht Fehler melden können, auf dass diese zügig behoben werden mögen. Gute Entwickler bedanken sich für einen Bugreport, denn so schaffen sie es gemeinsam mit dem Anwender, die Software besser zu machen. Jeden Tag eine gute Tat!

Ich hoffe sehr, dass kein Softwareentwickler jemals den obigen Spruch gebracht hat – obwohl ich Aussagen wie „das muss ein Anwenderfehler sein“ auch schon des öfteren gehört habe.

Wann ist es dir zum letzten mal passiert, dass ein Softwareentwickler „danke“ zu einer Bugmeldung gesagt hat?


Dieser Artikel wurde zuerst am 11.8.2018 auf edv3.de veröffentlicht. Da diese Domain jedoch keinerlei Resonanz erfuhr, habe ich ihn nach hier übertragen.

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