Erwachsene Kinder – oder kindliche Erwachsene?

Flattr this!

Ich habe gerade einen Blogbeitrag von Lars Vollmer gelesen. Dabei hat mich die Vorstellung, dass Erwachsene plötzlich zu Kindern werden, wenn sie die Bürotür durchschreiten, sehr amüsiert – aber auch sehr nachdenklich gemacht.
Es fühlte sich ein wenig wie die eine Folge von Raumschiff Enterprise „The Next Generation“ an, in der Jean-Luc Picard, Ro Laren, Guinan und Keiko O’Brian im letzten Moment aus einem explodierenden Shuttle herausgebeamt werden und als Kinder auf der Transporterplattform landen. In der Folge handelten sie zwar weiterhin wie Erwachsene, da ihr Wissen, ihre Erinnerung und die Lebenserfahrung weiterhin vorhanden waren, jedoch wurden sie von der Crew wie Kinder behandelt. Die Serie ist natürlich fiktiv, aber was Gene Roddenberry mit Kirks Enterprise ursprünglich geschaffen hatte, war eine gehörige Portion Gesellschaftskritik. So auch hier.
Amüsant fand ich die Erzählung Vollmers deswegen, weil ich mir das ganze bildlich vorgestellt hatte, eben wie auf der Enterprise. Das ist natürlich in der Realität nicht so, da bleibt selbst das äußere Erscheinungsbild der beteiligten Personen unverändert (abgesehen vielleicht von der Körpersprache). Aber das Bild, das Vollmer zeichnet, hat schon eine gewisse Berechtigung. Wie oft kommt es vor, dass einem Angestellten haarklein vorgeschrieben wird, wie er seine Arbeit zu machen hat?
Aber es ist nicht immer der Chef, der solche lustigen Denkweisen an den Tag legt. Auch Kollegen „wissen“ oft besser, was mir guttut, als ich selbst. Zumindest glauben sie es. Da war zum Beispiel der Kollege, der der Ansicht war, das Notepad von Windows sei genug, um SQL-Anweisungen für Oracle zu erstellen. Er hat mit atemberaubender Geschwindigkeit die Struktur der SQL-Anweisungen durch Leerzeichen (!) hergestellt. Back to the roots, nicht einmal Tabulatoren waren akzeptabel. So flott er mit der Tastatur auch war, mich konnte er nicht schlagen. Ich benutzte UltraEdit, und mein „markieren + TAB“ war allemal schneller als tacktacktacktacktack, Cursor runter, leftleftleftleftleftleft, tacktacktacktacktacktacktacktacktack, Cursor runter, leftleftleftleftleftleft, tacktacktacktacktacktacktacktacktack … Aber er sprach SQL wie ein Eingeborener.
Da war der Teamleiter, der Subversion für das beste Quellcodeverwaltungssystem der Welt hielt, auch als Git und Mercurial sich längst etabliert hatten. Oder der andere, der das gleiche von Team Foundation Server behauptete. Oder der, der Quellcodeverwaltung im Source-Code für eine gute Idee hielt, indem er forderte, Kommentare zu Beginn und Ende einer Änderung mit der Bugtracker-ID einzutragen, wodurch der Code irgendwann vollkommen unleserlich wurde. Muss ich weiter machen?
Gerade dies kommt mir vor, als würde ich zu dem Handwerker sagen, „lass deinen Werkzeugkasten im Auto, ich habe alles da, was du brauchst“. Und dann gebe ich ihm einen abgenutzten Schraubenzieher, eine winzige Kombizange, ein Kinderlineal und einen Zirkel. Geometrische Grundelemente, mehr braucht es nicht. Unrealistisch, oder?
Das alles hat Vollmer natürlich nicht gemeint und auch nicht gesagt, insofern solltet ihr den Artikel (http://larsvollmer.com/arbeit-fuer-erwachsene/) trotzdem lesen. Aber eine gewisse Entmündigung der Untergebenen steckt in beiden Denkansätzen, und das ist es, was mich nachdenklich gemacht hat.

Ähnliche Artikel:

Kommentar verfassen