Alles nur gecloud?

Serengeti-Elefantenherde
Elefanten (Symbolbild)
Autor: IkiwanerEigenes Werk, GFDL 1.2, Link

Evernote ist ein Cloud-Dienst, der es in Verbindung mit diversen Clients (Windows, Android, iOS, …) ermöglicht, überall Notizen zu erfassen und zu lesen. Über die Server von Evernote erfolgt im Hintergrund eine Synchronisation auf allen Endgeräten, die mit dem selben Account verbunden sind. Doch was bedeutet das in der Praxis?

Dieser Artikel entstand aufgrund einer Nachricht auf netzpolitik.org. Da ich selbst begeisterter Evernote-User bin, betrifft mich die Thematik im Besonderen. Das veranlasst mich dazu, hier (wie schon vor über zwei Jahren) noch einmal ein paar Gedanken zu dem aufzuschreiben, was gemeinhin „Cloud“ genannt wird.

Vorteile von Evernote

Eine Volltextsuche sowie die Möglichkeit der Verschlagwortung und der Bildung individueller Notizbücher machen das Angebot zu einem ausgesprochen nützlichen Werkzeug für mich. Ich genieße es, meine Ideen z.B. für neue Blog-Artikel stichpunktartig zu notieren, damit sie nicht verloren gehen.

Oft arbeite ich an mehreren Artikeln parallel, und wenn ich mit einem nicht weiter komme, poppen plötzlich Gedanken zu einem ganz anderen Thema auf und wollen notiert werden. Ebenfalls sehr hilfreich ist der Web Clipper. So kann ich im Firefox mit wenigen Klicks eine komplette Webseite in Evernote speichern, was meistens recht gut funktioniert. Dem Text in meinem Notizbuch kann ich dann eigene Notizen hinzufügen oder ihn einfach später in Ruhe lesen. Soweit in kurzen Worten die Vorteile.

Ja, aber …

Grundsätzlich hat Evernote Zugriff auf alle diese Inhalte. Daraus machen sie auch kein Geheimnis. Schließlich gibt es Zusatzdienste, die auf diesen Daten basieren, und die würden kaum funktionieren, wenn alles dauerhaft verschlüsselt wäre. Das akzeptiert man mit den Bedingungen, wenn man sich anmeldet. Doch dann sollte es anders werden.

Netzpolitik.org schreibt in seinem Artikel:

Das US-amerikanische Unternehmen Evernote verschiebt eine für Ende Januar 2017 angekündigte Änderung der Datenschutzrichtlinien seiner gleichnamigen Notiz-App. Ursprünglich war geplant, dass Nutzer dem Unternehmen ab 23. Januar standardmäßig erlauben sollen, Notizen durch Mitarbeiter einsehen zu lassen.

Ursprünglich saßen die Goten wollte Evernote also seinen Mitarbeitern unbeschränkten Zugriff auf die Daten seiner Kunden geben, damit die „machine learning“-Algorithmen im Einzelfall optimiert werden könnten. Und sie wollten offenbar nur die Kunden von den Ergebnissen profitieren lassen, die diesem Datenzugriff nicht widersprochen haben. Klingt irgendwie subversiv. Jetzt rudern sie zurück.

Evernote ist ein US-Unternehmen, das laut Website seinen Sitz in Redwood City in Kalifornien hat. In Anbetracht der bisher geleakten Informationen muss grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass die NSA (und vermutlich auch andere Dienste) damit vollen Zugriff auf alle Daten aller Benutzer hat. Das sollte man beim Einstellen von Infos bedenken. Selbstverständlich betrifft dies nicht nur Evernote. Auch Unternehmen, die mit Office 365 arbeiten, vertrauen gern darauf, dass ein Dokument ihnen versichert, dass alle Daten sicher sind. Sie sollten dies in ihre Überlegungen mit einbeziehen. Laut diesem Artikel sieht das nämlich seit nunmehr 10 Jahren deutlich anders aus.

Evernote bietet auf Notizenebene die Verschlüsselung einzelner Inhalte an, jedoch leider nicht für Android. Obwohl dies eine gute Sache ist, ist der Aufwand im Einzelfall einfach zu hoch, als dass man das in größerem Umfang tun würde. Also bleibt es leider dabei: technisch gesehen kann das  Unternehmen alle meine Daten jederzeit lesen, ohne dass ich das merke oder verhindern kann.

Da denke ich dann an die 90er Jahre zurück, wo ein Diskussionsforum von Compuserve wegen der Verwendung des Begriffes „Brust“ geschlossen wurde. Wie man damals erfuhr, geschah dies in dem Glauben, man würde hier über nackte Brüste diskutieren (und evtl. Bilder tauschen). Statt dessen handelte es sich um ein Forum, in dem über Brustkrebs diskutiert wurde. Wenn ich mir vorstelle, was damals schon aus einem einzelnen (und im damaligen Kontext harmlosen) Wort geworden ist, dann frage ich mich, wie lange es wohl noch dauert, bis „Big Data“ dazu führt, dass wir nichts mehr sagen oder schreiben dürfen, ohne dass es gegen irgend ein Gesetz verstößt. Irgend einen Zusammenhang kann man immer herstellen.

Also was tun wir? Ziehen wir uns aus der Cloud zurück? Es gibt da diese schicken Moleskine-Notizbücher … aber wollen wir das? Wir würden viele Vorteile aufgeben, die wir inzwischen ganz selbstverständlich hinnehmen.

Zurück in die Steinzeit?

 

Artikelbild: Von IkiwanerEigenes Werk, GFDL 1.2, Link zum Bild
Weil der Elefant das Logo von Evernote ist, dessen Verwendung mir aber zu riskant erscheint, habe ich ersatzweise dieses aus Wikipedia als Symbolbild genommen.

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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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