Fluch und Segen

Als Softwareentwickler hat man nicht nur schon vieles gesehen, sondern auch selbst naturgemäß einige Fehler gemacht — und aus beidem hoffentlich viel gelernt. Und da Negativbeispiele immer ein hervorragender Ansatz zum Lernen sind, will ich hiermit mal meinem Frust über eine bestimmte Software Luft verschaffen. Möge die Erkenntnis über uns kommen!

Es handelt sich um StarMoney, ein Programm also, mit dem man „Homebanking“ machen kann. Es ist kein kostenfreies Programm, man muss es fast jährlich updaten, was jedes mal erneut Geld kostet. Eine Art „Software-Miete“ also. Das ist in gewisser Hinsicht verständlich, da die Schnittstelle zu den Banken wohl auch ständiger Pflege bedarf. Ich erwähne das auch nur deshalb, weil dadurch die Entschuldigung, das Programm würde ja von Freiwilligen in ihrer Freizeit gemacht, weg fällt.

Es läuft unter Windows, in meinem Fall in  einer virtuellen Maschine. Auch dies ist ausnahmsweise mal kein großes Problem, außer dass es eine Weile dauert, bis Windows gestartet ist. Aber damit kann ich leben, denn das läuft sozusagen im Hintergrund, ohne das Hauptsystem zu beeinträchtigen. Aber dann …

Der Doppelklick ist aller Laster Anfang

Es fängt natürlich alles mit einem Mausklick an. Genauer gesagt, einem Doppelklick, und zwar dem auf das Icon des Programms, das auf meinem Desktop hockt. Danach dauert es wiederum bis zu einer Minute, bis sich das Fenster aufgebaut hat und auf die Eingabe meines Passwortes wartet. Auch die Zeit zwischen dem Doppelklick und dem Splashscreen ist schon nennenswert und würde sicher manchen dazu veranlassen, noch ein paar Doppelklicks folgen zu lassen.

Starmoney-Login
Starmoney-Login

Aber dann endlich wird das Login-Fenster angezeigt und der Cursor blinkt erwartungsvoll im Passwort-Eingabefeld. Nun bin ich eher nicht so der Mäuseschubser; meine Anfänge mit Computern reichen bis in die Zeit zurück, als dieses „graphische Zeigegerät“ gerade mal beim Apple erfunden wurde, in der Windows- und erst recht der Unix-/Linux-Welt aber noch lange nicht angekommen war. Folglich bin ich es gewohnt, Passwörter von vorne bis hinten mit der Tastatur einzugeben. Und wenn ein Cursor in einem Eingabefeld blinkt, vermittelt mir das die Information, dass ich jetzt loslegen kann. Und als bekennender Tipper schließe ich eine Passworteingabe (und nicht nur diese) selbstverständlich mit der Return- oder Enter-Taste ab. Und schon haben wir ein Problem.

Starmoney-Login mit Fehlermeldung
Starmoney-Login mit Fehlermeldung

Denn die nächste Meldung lautet: „Die Anwendung kann nur einmal gestartet werden!“ Wie kann das sein? Ich habe doch das Passwort eingegeben?!? Ich habe nur eine Erklärung dafür: Offensichtlich befand sich der Fokus immer noch auf dem Desktop-Icon. Auch scheint meine Passworteingabe keine Fokusänderung zur Folge zu haben. So wird der abschließende Druck auf die Return-Taste wohl zu einem erneuten Startversuch führen, was durch einen internen Mechanismus abgeblockt wird. Verblüffenderweise passiert dies keineswegs immer, aber wenn es passiert, nervt es ein wenig. Aber es kommt noch schlimmer.

„Es ist ja allgemein bekannt, dass …“

Wenn ein Satz so anfängt, darf man keineswegs eine allgemein bekannte Weisheit erwarten. Ganz im Gegenteil! In der Regel wird dann eine Behauptung folgen, die der Sprecher kaum beweisen kann, weshalb er von vornherein jeden Zweifel ausschließen will. Denn wenn etwas allgemein bekannt ist, dann wäre man ja dumm, wenn man das nicht wüsste.

Insofern „ist allgemein bekannt, dass“ … kein Mensch irgend etwas bezahlen würde, das er oder sie nicht auch kostenlos bekommen könnte. Das gilt für Software ganz besonders, denn es sind ja nur Daten, und Daten kann man leicht kopieren. Aus eins mach zwei, wie herrlich wäre das, wenn man im Sommer nur ein Steak kaufen müsste und den ganzen Verein damit versorgen könnte, indem man es beliebig kopiert. Bei Daten geht das, bei Steaks leider nicht. Folglich sind alle Menschen Raubkopierer, denn „das ist ja allgemein bekannt“.

Da wir das nun wissen, ist es auch absolut verständlich, dass eine renommierte Firma ihre Kunden per se für Raubkopierer hält und bei jedem Start die Lizenz überprüfen muss. Das geht am einfachsten mit einem Passwort, das der User bei der Erstinstallation selbst vergeben hat. Folglich fragt Star Money bei jedem  Start nach dem Namen der Installation und dem Passwort, das ich bei der Erstinstallation vergeben habe. Leider muss ich mir dafür jedes mal einen neuen Namen für die Installation ausdenken, denn der bestehende wird als Duplikat zurückgewiesen. Auch funktioniert keines der Passwörter, die ich im Zusammenhang mit Star Money notiert habe. Originellerweise kann ich aber diesen hochsicheren Prüfmechanismus einfach durch die gleichnamige Schaltfläche abbrechen; soviel zur Sicherheit. Das nervt gewaltig!

Das Übel potenzieren

Ganz übel wird es dann aber, wenn diese Mechanismen und ein Software-Update aufeinandertreffen. Dann werde ich

  • einen Doppelklick auf das Icon machen
  • den Start des Programmes abwarten
  • mein Passwort eingeben und Return drücken
  • die Fehlermeldung des doppelten Starts bestätigen
  • das Passwortfeld mit der Maus anklicken
  • mein Passwort erneut eingeben und Return drücken
  • die Lizenzbestätigung zur Kenntnis nehmen
  • mit dem Finger einmal quer über die Tastatur fahren, um einen neuen Namen für die Installation festzulegen
  • den Dialog bestätigen
  • die Passwortanfrage für die Lizenz zur Kenntnis nehmen
  • dort auf Abbrechen drücken
  • das Softwareupdate abwarten
  • den Neustart des Programms bestätigen
  • den Start des Programmes abwarten
  • mein Passwort eingeben und Return drücken
  • die Fehlermeldung des doppelten Starts bestätigen
  • das Passwortfeld mit der Maus anklicken
  • mein Passwort erneut eingeben und Return drücken
  • die Lizenzbestätigung zur Kenntnis nehmen
  • mit dem Finger einmal quer über die Tastatur fahren, um einen neuen Namen für die Installation festzulegen
  • den Dialog bestätigen
  • die Passwortanfrage für die Lizenz zur Kenntnis nehmen
  • dort auf Abbrechen drücken
  • das Update der Kontodaten abwarten

… und dann kann ich endlich das machen, was ich machen wollte, als ich den ersten Doppelklick gemacht habe. Das kann schon mal eine gefühlte Stunde dauern.

Leute, mal ehrlich: Muss das wirklich sein?


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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