Lerneffekte

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In einem technischen Beruf ist gerade die kaufmännische Seite oft nicht so stark vertreten. Das muss man lernen, und manchmal muss man dabei Lehrgeld zahlen.

Es muss Anfang der 90er Jahre gewesen sein, als ich für eine Firma mit Sitz im Großraum München sehr viele EDV-Schulungen durchgeführt habe. Das Unternehmen rekrutierte Dozenten zwar bundesweit, diese waren aber nur in ihrem regionalen Umfeld tätig. Und meistens war es eine nebenberufliche Tätigkeit von Menschen, die sich ein paar Mark hinzu verdienen wollten. Die Firma ist heute bei Google nicht mehr zu finden.

Symbolbild: Geldmünzen auf der Tastatur
Symbolbild: Geldmünzen auf der Tastatur

Es war die Zeit zu Beginn meiner Selbständigkeit, und eine Weile war diese Unterrichtstätigkeit sehr interessant und vor allem in der Anfangsphase finanziell hilfreich. Solange jedenfalls, bis der Träger in Konkurs ging und etwa 1000 DM des mir zustehenden Honorars in der Konkursmasse blieben. Viel Geld für einen Frischling, vom Frustfaktor mal ganz abgesehen.

Damals habe ich aber auch gelernt, dass eine Offene-Posten-Verwaltung unbedingt notwendig ist! Man darf sich nicht nur auf das Wohlwollen und die Fairness des Unternehmens verlassen. Ich vermute im Nachhinein, dass der Konkurs nicht für alle Beteiligten so überraschend kam wie für mich, weil ein Aspekt des Zahlungsverhaltens des Kunden besonders auffällig war: Nachdem längere Zeit alle Rechnungen korrekt und zeitnah bezahlt worden waren, begann man etwa ½ Jahr vor dem Konkurs damit, nur noch jede zweite Rechnung zu bezahlen. Leider fiel mir das erst viel später auf.

Da ich immer mehrere Kurse zeitversetzt laufen hatte, kamen die Zahlungen ohnehin unregelmäßig und ich bemerkte das Ausbleiben zunächst nicht. Es blieb der Eindruck, dass immer Geld herein kam, daher wurde ich nicht misstrauisch und habe folglich auch keine Mahnungen geschrieben. Das hat die Gegenseite möglicherweise darin bestärkt, mit dem Konzept weiterzumachen. Ob es nun absichtlich oder zufällig entstanden war, die Systematik ließ eigentlich nur einen Schluss zu: Dies war ein gesteuerter Konkurs, gemäß dem gesunden Menschenverstand also Betrug.

IMMER WACHSAM! (Alastor Moody)

Eine Bekannte (Steuerberaterin) wies mich dann auf die Notwendigkeit besagter Offene-Posten-Verwaltung hin, und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Ich bemerkte die zurückgehaltenen Rechnungen und auch die Systematik dahinter. Sie empfahl mir, sofort einen Mahnbescheid zu beantragen, und zwar im Eilverfahren. Die Dame beim Amtsgericht gab mir jedoch die Auskunft, das Eilverfahren sei nicht nötig und ich könne mir die zusätzlichen Kosten sparen, da auch ein normaler Mahnbescheid innerhalb von 2-3 Tagen zugestellt sei. Bedauerlicherweise dauerte es dann 2-3 Wochen, und ein zweiter Berater meinte, das wiederum sei völlig normal.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Sache ging natürlich glorreich den Bach runter. Der Mahnbescheid verging ohne Effekt, der Vollstreckungsbescheid (so nannte man das damals noch) erreichte dann bereits den Konkursverwalter und wurde wegen des bereits eröffneten Konkurses abgewiesen. Saublödes Timing.

Daraus gelernt habe ich, wie schon gesagt, dass eine Überwachung der Offenen Posten schon mal eine gute Sache ist. Diese bestand aus dem ohnehin vorhandenen Rechnungsordner, wobei ich die offenen Rechnungen einfach vor dem ersten Register eingeheftet habe. Waren sie dann bezahlt, kamen sie chronologisch zu den „Ausgangsrechnungen“.

Bei der nachträglichen Auswertung der Zahlungen fiel mir dann noch auf, dass der Zeitpunkt der Zahlung immer weiter in die Zukunft gerückt war. Auch dies geschah schleichend, so dass es nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen war. Daraufhin habe ich die Offene-Posten-Verwaltung in eine Excel-Tabelle verlagert, in der ich jeweils das Rechnungsdatum, den Betrag und das Datum des Zahlungseinganges vermerkte. Aus den beiden Datumswerten ergab sich mit einer einfachen Differenzbildung (für Excel kein Problem) die Zahlungsdauer. Diese wiederum über der Zeitachse in einem Diagramm dargestellt zeigt wunderbar eine Entwicklung wie die obige an.

Mit diesen einfachen Hilfsmitteln konnte ich einen ähnlichen Versuch eines anderen Unternehmens durch meine inzwischen gesteigerte Aufmerksamkeit erfolgreich vereiteln. Es kam Gottseidank nicht oft vor, aber jeder einzelne erfolgreiche Betrug ist frustrierend. Daher mag ich Alastor Moodies Wahlspruch so gern, auch wenn er in dem Roman möglicherweise gar nicht von dem echten Mad-Eye Moody stammt. Eine Idee ist nämlich unter Umständen auch dann gut, wenn man den Menschen nicht mag, der sie ausspricht.

Und noch etwas habe ich gelernt: Auskünfte von Leuten, die bei einem Amt arbeiten, sind nicht zwangsläufig richtig. Manchmal irren die sich auch, oder sie haben schlicht keine Ahnung.


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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