Wohin soll die Reise gehen?

Wie Netzpolitik berichtete, testet die Bahn in Berlin Südkreuz sogenannte „intelligente Videoüberwachung“. Sie beziehen sich dabei auf einen Artikel des Tagesspiegels. Ich frage mich ernsthaft, wo das noch hinführen soll. Die Kameras sollen dabei nicht nur die Gesichter von Menschen identifizieren, die bereits als verdächtig eingestuft sind. Durch abgestellte Gegenstände, die längere Zeit nicht bewegt wurden, soll ebenso Alarm ausgelöst werden wie durch bestimmte Verhaltensmuster.

Was auf den ersten Blick positiv klingt (und natürlich absichtlich auch so formuliert wird), wirft eine Reihe von Fragen auf. Gesichtserkennung kann, sobald sie gut genug funktioniert, sehr gut zur Wiedererkennung von Menschen verwendet werden, nicht nur bei Verbrechern, auch bei ganz normalen Kunden. Verbinden wir das mit der zunehmenden (und wiederum positiv belegten) Verbreitung von kostenlosem WLAN, dann könnte die Kombination aus Geräte-Identifikation und Gesichtserkennung der Werbebranche interessante Möglichkeiten eröffnen. Vielleicht werde ich beim nächsten Einkauf aus einem Lautsprecher ganz in der Nähe persönlich angesprochen. „Hallo, Herr Jüngling, Sie haben doch letztens das iPhone 12 gekauft. Möchten Sie sich mal unsere Sonderangebote für Schutzhüllen anschauen?“ Wollen wir das?

Wie schon an einige Stellen im Netz zu lesen war, scheint die Tendenz in Deutschland (und allgemein in Europa) dahin zu gehen, möglichst viel zu überwachen: Nicht nur die Videoüberwachung wächst immer mehr. Die Vorratsdatenspeicherung speichert wer mit wem wie lange telefoniert. E-Mails und SMS sind sowieso größtenteils unverschlüsselt und lassen sich daher automatisiert nach Schlüsselworten oder deren Kombinationen scannen, ohne dass wir das merken. Und wer über Verschlüsselung redet, muss sich vorwerfen lassen, er habe sicher etwas zu verbergen. Es sind auch keine neuen Stimmen, die sagen, die europäischen Staaten bewegten sich mit Riesenschritten auf einen Überwachungsstaat vor. So etwas ist offenbar nicht mehr nur Schurkenstaaten und Diktaturen vorbehalten.

Gedankenspiele

Unterstellt man tatsächlich eine komplette Überwachung in bestimmten Bereichen, dann muss auch das Szenario des Entsperrcodes meines Smartphones betrachtet werden: Wenn alles aufgezeichnet wird, dann sehr wahrscheinlich auch dies. Und da diese Codes nur wenige bestimmte Verhaltensweisen zulassen, sind sie früher oder später sicher auch automatisiert aus dem Videostream abgreifbar, sei es das Muster auf dem Display oder die Reihenfolge der Fingertips. Gesichtserkennung mit Blinzelüberprüfung? Wenn Filme wie Avatar fast vollständig im Computer entstehen, ist dieser angebliche Schutz doch reine Augenwischerei.

Einen Schritt weiter gedacht und unter Berücksichtigung des Datenaustausches mit Geheimdiensten anderer Länder könnte die USA bei Einreise längst über meinen Entsperrcode verfügen. Was passieren kann, wenn ich das Handy im Hotelzimmer am Ladekabel lasse, während ich in der Bar bin, kann man sich leicht ausmalen. Und das ist nur der Anfang.

Die Frage, ob ich verpflichtet werden kann, im Falle einer Überprüfung am Zoll mein persönliches Passwort herauszugeben, wird dann obsolet. Am Ende ist der Mensch nur noch eine Ressource, eine gehorsame Arbeitskraft, oder einfach nur ein Energielieferant. Die Matrix lässt grüßen.

Ich wiederhole meine Frage: Wollen wir das?


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AuthorChristoph Jüngling

Selbständiger Softwareentwickler und Seminarleiter

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