Schöne Neue Welt

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Letzte Änderung am 29. November 2022 by Christoph Jüngling

Seit Elon Musk den Microblogging-Dienst »Twitter« übernommen und aufgemischt hat, ist eine Welle entstanden, die man als eine Art »moderne Völkerwanderung« betrachten kann. Gefühlt mindestens jeder Zweite in meiner Umgebung erklärt mit mehr oder wenig vielen Worten, Twitter verlassen zu wollen. Die Gründe, die diese Leute anführen, sind dabei sehr unterschiedlich.

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Wechselgründe

Manch einer will mit Elon Musk grundsätzlich nichts zu tun haben und drückt das durch verschiedene (auch persönliche) Angriffe aus. Manche stören sich daran, dass Musk nichts gegen extreme Positionen tun würde, was dann von anderen wiederum als Vorwurf verwendet wird, sie seien gegen Elons Bekenntnis zur Meinungsfreiheit. Dabei wird gern vergessen, dass die Freiheit der Meinungsäußerung zwar die Möglichkeit, aber nicht das Recht zur Beleidigung einschließt. Auch die spontane Entlassungswelle nach der Übernahme ist ein Thema, ebenso wie die Abstimmung, ob Donald Trumps Account wieder reaktiviert werden solle. Es gab eine knappe Mehrheit, der Account wurde reaktiviert – und Trump soll abgelehnt haben. Eigentor.

Wenn man geht, geht man nicht nur von irgendwo weg, sondern man muss auch irgendwo anders hingehen. Allen gemeinsam scheint der Drang, nunmehr zu »Mastodon« zu wechseln. Das steht jedem frei, doch bei all dem sollte man bedenken, dass der Wechsel der Software oder des Netzwerkes nicht zwangsläufig dazu führt, dass die Menschen sich fortan besser verhalten. Denn es sind dieselben Menschen mit denselben Verhaltensweisen. Nicht Twitter ist daran schuld, woran Twitter krankt.

Die Ankündigung, Twitter verlassen zu wollen, ist keineswegs neu. Immer wieder werden solche Nachrichten in die Timeline gespült, aber nur selten wirklich umgesetzt, zumindest nicht dauerhaft. Zu stark scheint der Drang zu sein, wieder an den vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten dieser vertrauten Plattform teilhaben zu wollen.

Werfen wir doch mal einen Blick auf diese schöne neue Welt. Was ist daran so anders, dass die Hoffnung auf eine zwangsläufige Besserung der Kommunikation damit verbunden wird? Und was ist, wie einige behaupten, daran so kompliziert, dass man auf keinen Fall wechseln werde?

Strukturen

Während bei Twitter ein einziges System zentral alle User verbindet, existieren im Fediverse viele sog. „Instanzen“. Diese haben jeweils eine eigene User-Schar und sind miteinander verbunden.

Mastodon

Mastodon ist nicht nur eine ausgestorbene Art (ein Vorläufer heutiger Elefanten), eine Band und der Name zweier Ortschaften in den USA, sondern auch die Bezeichnung einer Software. Zwar wird die Software und der Dienst gerne mit demselben Begriff bezeichnet (siehe »Twitter«, »Facebook«, »YouTube« , »Spotify« usw.), aber gerade hier sollten wir etwas differenzierter denken. Denn mit der Anmeldung bei Mastodon stoßen wir sprichwörtlich eine Tür auf zu einem anderen Universum.

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Zunächst müssen wir uns vor Augen halten, dass Mastodon keineswegs ein 1:1-Ersatz für Twitter ist. Es ist ähnlich, gewiss, aber es ist auch anders. Die Ähnlichkeiten bestehen sicher in der Tatsache, dass hier viele Leute schreiben (»tröten«), dass man Accounts »folgen« kann, dass man auf deren Nachrichten antworten und sie weiterleiten (»boosten«) kann, und dann alles in der eigenen Timeline sieht. Aber vielleicht war es das auch schon.

Kommen wir zu den Unterschieden. Die Website von Mastodon wird typischerweise mit schwarzem Hintergrund dargestellt, Twitter jedoch weiß. Das mag für den einen oder anderen politisch klingen, lässt sich aber auch leicht ins Gegenteil verkehren: Wahlweise kann Mastodon weiß und Twitter schwarz dargestellt werden. Wer also hinter den Farben unbedingt eine tiefere Bedeutung sehen will, braucht nicht das System zu wechseln.

Ein nicht ganz so offensichtlicher Unterschied besteht darin, dass die Timeline ihren Namen auch wirklich verdient: Eine Zeit-Linie aller Nachrichten aus dem Kreis der Menschen, denen ich folge. Diese ist noch dazu umschaltbar zu »alles auf meinem Server« und »alles im Fediverse«. Das ist bei Twitter nicht so. Dort werden Nachrichten zum Teil aufgrund von automatisierten Einschätzungen (»Algorithmen«) kanalisiert. Twitter zeigt euch die Nachrichten an, von dem es glaubt, dass sie euch besonders interessieren, und lässt andere weg. Das machen übrigens Facebook und Google ebenso.

Ein zweiter Unterschied ist das komplette Fehlen von Werbung. Das fällt vielleicht nicht sofort auf, aber ich empfinde es immer wieder als ausgesprochen wohltuend.

Wahlfreiheit

Ein weiterer Unterschied, der für manche sicher auch eine Hürde darstellt, ist die Wahlfreiheit. Da ist zunächst die Wahlfreiheit des Servers, bei dem man sich anmeldet. Bei Twitter, Facebook und Instagram ist das einfach: Man geht zu twitter.com, facebook.com oder instagram.com, macht einen Account, bestätigt die eMail-Adresse und legt los. Bei Mastodon stellt sich zunächst die Frage, wo ich mich denn anmelde. Eine sehr schöne Übersicht findet man auf https://joinmastodon.org. Unter dem dortigen Link »Konto erstellen« wird eine lange Liste von Servern angezeigt, die nach Region, Sprache, Rechtsform oder Interesse eingegrenzt werden kann. Wähle ich zum Beispiel die Kombination »Deutsch«, »Europa« und »Technology« aus, bleiben gerade mal vier Server übrig. Auf diese Weise habe ich »mastodontech.de« gefunden, wo ich als »@juengling@mastodontech.de« seit Februar 2019 angemeldet bin.

Mit »Deutsch« und »Europa« findet man zusätzlich regionale Angebote wie z.B. »hessen.social«. Alternativ gibt es auch Fulda, Münster, Graz, Darmstadt und zahlreiche andere Server (leider kein Kassel.social), manche mit .social« am Ende, aber es gibt auch andere sogenannte Top-Level-Domains.

Doch so wichtig diese Entscheidung am Anfang auch scheint, im Grunde ist sie es gar nicht. Es ist egal, wo man sich anmeldet, denn erstens ist niemand gezwungen, zum Beispiel auf metalhead.club ausschließlich über Heavy-Metal-Musik zu diskutieren. Und zweitens kann grundsätzlich jeder mit jedem kommunizieren. Dieser Föderalismus
ist vielleicht der wichtigste Aspekt in diesem Universum, dem Netzwerk von Netzwerken, weswegen es den Namen »Fediverse« erhielt.

Schönes neues Netzwerk

Haben Sie schon einmal versucht, mit einem Twitter-Account einen Tweet abzusetzen, der dann in Facebook aufgetaucht ist? Ich rede nicht von den grafisch gestalteten Tafeln, auf denen interessante Tweets die Netzwerkgrenzen überschreiten, sondern einfach so, automatisch. Das geht nicht? Stimmt, Twitter und Facebook sind verschiedene Netzwerke, die keine Verbindung haben. Das geht nur zwischen Facebook und Instagram, weil beide dem Konzern »Meta« angehören. Im Fediverse ist es jedoch völlig normal. Wir haben hier eine Vielzahl an Mastodon-Servern, die alle die gleichen Dienste anbieten und miteinander in Kontakt stehen. Und dann gibt es noch »Pixelfed«, das aussieht wie Instagram, »Friendica« wie Facebook und »Peertube« wie YouTube, um nur einige zu nennen. Wer wissen will, was es noch so alles gibt, kann auf https://joinfediverse.wiki mal stöbern. Alle diese verschiedenen Dienste sind Teil des Fediverse, denn sie haben eines gemeinsam: Sie verstehen (technisch gesprochen) dasselbe Protokoll, was für Computer so etwas wie für uns Menschen die Sprache ist. Deshalb kann ich als »@juengling@mastodontech.de« einem Account unter »hessen.social« folgen, und alle Tröts von diesem landen in meiner Timeline. Oder ein Mastodon-User kann einem User auf Pixelfed folgen und mit diesem interagieren, der eine auf Mastodon, der andere auf Pixelfed.

Und das ist vielleicht das wirklich spannende an diesem »Fediverse«, dass es hier die vielgepriesene »Vielfalt« gibt, und es fast niemand bemerkt.

Ein kleiner Hinweis zum Schluss: Anders als bei Twitter und Facebook muss im Fediverse immer auch der Servername hinzugefügt werden, denn es gibt wie gesagt viele davon.

In diesem Sinne: Fröhliches Tröten!

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